{"id":13143,"date":"2012-11-21T00:00:00","date_gmt":"2012-11-20T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20121121-04n"},"modified":"2012-11-21T00:00:00","modified_gmt":"2012-11-20T22:00:00","slug":"die-biotech-offensive-der-chemieindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-biotech-offensive-der-chemieindustrie\/","title":{"rendered":"Die Biotech-Offensive der Chemieindustrie"},"content":{"rendered":"<p><b>Rund 650 Millionen Euro bietet der weltgr\u00f6\u00dfte Chemiekonzern BASF f\u00fcr das norwegische Biotech-Unternehmen Pronova. Die Ludwigshafener versprechen sich davon, die Nummer eins bei der Herstellung von Omega-3-Fetts\u00e4uren zu werden. Die BASF folgt damit einem Trend: Investitionen in Biotechnologie. Selbst die gr\u00f6\u00dften Chemiekonzerne der Welt sind dabei. Sie vertreten \u2013 und das ist neu \u2013 offensiv und \u00f6ffentlich ein starkes Bekenntnis zum Einsatz von Zellen und Biomolek\u00fclen in der industriellen Produktion. Auch der Spezialchemiekonzern Evonik baut seine Biotech-Aktivit\u00e4ten deutlich aus.<\/b><\/p>\n<p>Es ist nicht lange her, da war der Werkzeugkasten der Natur nur &#8220;eine von zahlreichen Optionen&#8221; \u2013 aber keinesfalls die entscheidende. Heute ist das anders. 7 Milliarden Euro will der Bayer-Konzern in seine Pflanzenforschungssparte investieren. Allein 5 Milliarden Euro davon in Forschung &#038; Entwicklung. Davon profitiert die Gr\u00fcne Gentechnik als Kernbereich. Ein paar Kilometer weiter den Rhein aufw\u00e4rts in Ludwigshafen ist man \u00e4hnlich investitionsfreudig. Seit 2007 kooperiert die BASF mit dem US-Giganten Monsanto. Die Investitionssumme: jenseits der 2 Milliarden Euro. Im Fr\u00fchjahr geisterten sogar Ger\u00fcchte umher, die BASF wolle Monsanto f\u00fcr einen Milliardenbetrag \u00fcbernehmen. Erst ein inoffizielles Dementi aus der Konzernzentrale beendete die Spekulationen. Derzeit stimulieren Deals den Markt. So kaufte der Schweizer Pflanzenschutzkonzern Syngenta AG die belgische Devgen NV f\u00fcr rund 400 Millionen Euro und bezahlte damit ein Premium von 70 Prozent.<\/p>\n<p><b>Vorzeigementalit\u00e4t ist neue Entwicklung<\/b><br \/>&#8220;Schon l\u00e4nger ist die Biologisierung der Industrie eine Realit\u00e4t. Neu ist, dass die Konzerne sie jetzt auch vorzeigen&#8221;, sagt Holger Zinke, Chef der Brain AG in Zwingenberg. Im vergangenen Jahr habe die Akquisition des d\u00e4nischen Biotechnologie- und Nahrungsmittelspezialisten Danisco A\/S durch den US-Chemieriesen Dupont die Augen ge\u00f6ffnet. Der \u00dcbernahmepreis: rund 5 Milliarden Euro. Auch f\u00fcr Karl-Heinz Maurer, zust\u00e4ndig f\u00fcr das Business Development der Darmst\u00e4dter AB Enzymes GmbH, ist der Kauf von Danisco ein entscheidender Meilenstein. Der Hunger nach \u00dcbernahmen habe l\u00e4ngst eingesetzt. Die Biotechnologie beweise sich unter anderem in der Nahrungs-, Futtermittel und Pflanzenschutzindustrie. &#8220;Die entscheidende Frage ist, ob die Konzerne ihre technologischen Ziele \u00fcber eigene F&#038;E erreichen k\u00f6nnen oder nur \u00fcber Kooperationen und \u00dcbernahmen. Die Zahl der technologisch interessanten Akquisitionsm\u00f6glichkeiten ist allerdings begrenzt&#8221;, so Maurer. Das erkl\u00e4re die hohen Preise.<br \/>Mehr auf biotechnologie.de<\/p>\n<p><b>Neue Sequenzierungstechniken sorgten f\u00fcr den Aufschwung<\/b><br \/>Es gibt aber auch technologische Gr\u00fcnde f\u00fcr das Engagement. &#8220;Die neuen Sequenzierungstechniken haben entscheidend zum Aufschwung der Biotechnologie beigetragen. Sie machen das Verhalten biologischer Systeme wie Pflanzen oder Mikroorganismen vorhersagbarer und beherrschbarer&#8221;, sagt Klaus Mauch, Vorstand der Stuttgarter Insilico Biotechnology AG. Viele Entscheider haben bisher mit dem Bekenntnis zur Biotechnologie gez\u00f6gert. Der Grund sind viele unerf\u00fcllte Hoffnungen. &#8220;\u00dcber viele Jahre hat die Biotechnologie zu viel versprochen, aber jetzt beginnt sie zu liefern&#8221;, sagt Patrik Wohlhauser, Vorstand von Evonik.<\/p>\n<p>Der Essener Chemiekonzern ist ein gutes Beispiel f\u00fcr den Stimmungswandel in der Industrie. Seit 30 Jahren forscht er an biotechnologischen Methoden. Ein klares Bekenntnis dazu fehlte lange Zeit. Das \u00e4ndert sich jetzt. Um sein Ziel zu erreichen, endlich den B\u00f6rsengang zu stemmen, wird die eigene Story mit Hilfe der Biotechnologie aufpoliert.<\/p>\n<p><b>Das Beispiel DSM<\/b><br \/>Dass das klappen kann, daf\u00fcr ist die niederl\u00e4ndische DSM ein Vorbild. Wie Evonik ein ehemaliger Minenspezialist, ist das Unternehmen heute ein Spezialchemiekonzern mit hoher Biotechnologie-Kompetenz. Die Holl\u00e4nder \u00fcbernahmen im Jahr 2000 das Vitamin-Gesch\u00e4ft von Roche und haben daraus ein margenstarkes Gesch\u00e4ft mit Futtermittelzusatzstoffen gemacht. Anfang des Jahres lie\u00df DSM mit der \u00dcbernahme der amerikanischen Martek Bioscience Corp. f\u00fcr 790 Millionen Euro aufhorchen. Mit Hilfe von Marteks mikrobieller Plattform wollen die Niederl\u00e4nder wie die BASF den Markt f\u00fcr Omega-3- und Omega-6-Fetts\u00e4uren erobern. <\/p>\n<p>Einige Tage zuvor hatte DSM bereits ein Joint Venture mit dem Biotech-Ethanolproduzenten Poet LLC geschlossen, in dem es um die Verwandlung von Cellulose-haltigen Strohresten zu Bioethanol geht. Evonik \u2013 rund ein Drittel gr\u00f6\u00dfer als DSM \u2013 agiert bisher vorsichtiger, dennoch sichtbar. Gerade lud der Konzern mit 33.000 Mitarbeitern und rund 15 Milliarden Euro Umsatz 150 Schl\u00fcsselmitarbeiter und Partner des Unternehmens zu einem zweit\u00e4gigen Seminar nach Ostwestfalen. Einziger Tagesordnungspunkt: Biotechnologie. \u00c4hnlich wie DSM hat Evoniks Biotech-Gesch\u00e4ft seine Wurzeln in der Tierern\u00e4hrung. Die Essener sind einer der gr\u00f6\u00dften Hersteller von Aminos\u00e4uren, darunter biotechnologisch hergestelltes L-Lysin. Typisch f\u00fcr viele Chemiekonzerne: Die Biotech-Aktivit\u00e4ten sind bereits Jahrzehnte alt, erst jetzt werden sie gerne vorgezeigt. So auch bei Evonik.<\/p>\n<p>Seit 30 Jahren wird im Forschungszentrum Halle-K\u00fcnsebeck mit Mikrobiologie gearbeitet. 1982 \u2013 noch unter dem Namen von Degussas Pharmasparte Asta Medica \u2013 begannen 13 Pioniere mit der Arbeit. Nach der j\u00fcngsten Einstellungswelle arbeiten heute rund einhundert Wissenschaftler in Halle.<\/p>\n<p><b>300 Millionen Euro Umsatz j\u00e4hrlich mit Biotechnologie<\/b><br \/>Nun kann der Essener B\u00f6rsenkandidat die Fr\u00fcchte der jahrelangen Forschung ernten. Rund 300 Millionen Euro setzt Evonik inzwischen mit biotechnologisch hergestellten Produkten um, zumeist im Gesch\u00e4ftsbereich &#8220;Health &#038; Nutrition&#8221;. Der gr\u00f6\u00dfte Umsatzbringer unter den biotechnologischen Produkten bleibt Lysin. &#8220;Chemisch synthetisiertes L-Lysin w\u00e4re heute teurer, da die Synthese sehr aufwendig ist&#8221;, sagt Ralf Kelle, zust\u00e4ndig f\u00fcr die Biotechnologie bei Evonik. <\/p>\n<p>In jahrelanger T\u00fcftelarbeit haben die Wissenschaftler in K\u00fcnsebeck einen Corynebacterium-Stamm dazu gebracht, in gr\u00f6\u00dferen Mengen L-Lysin zu produzieren, das Tierfutter zugesetzt wird. Das Produkt verspr\u00fcht auf den ersten Blick keinen Hightech-Glanz. Es ist vielmehr der komplette braune Bodensatz einer leicht aufgearbeiteten Fermentationsbr\u00fche. Und doch steckt eine Menge Wissenschaft darin. Denn den Forschern in Halle ist es gelungen, ihre Gram-positiven Arbeitstiere dazu zu bringen, die Aminos\u00e4ure in so gro\u00dfen Mengen herzustellen, wie sie es in der Natur nicht tun. Auf fremde Gene wollte Evonik dabei nicht zur\u00fcckgreifen \u2013 eine entsprechende Kennzeichnung w\u00e4re kontraproduktiv. &#8220;So sind lediglich Punktmutationen, Promotor- oder Genverdopplungen eingef\u00fcgt, die sich auch im Laufe der Evolution auf nat\u00fcrlichem Wege einschleichen k\u00f6nnen &#8220;, sagt Kelle. Ein Spagat. Der Vorteil der biotechnologischen Produktion ist ihre Stereoselektivit\u00e4t, die chemisch wesentlich schwieriger zu erreichen ist. Denn nur die nat\u00fcrliche L-Variante von Lysin ist f\u00fcr den Proteinaufbau zu verwerten.<\/p>\n<p><b>Wunsch nach besserer Ern\u00e4hrung in Schwellenl\u00e4ndern als Markttrend<\/b><br \/>Mit dem Verkauf dieser und auch anderer Aminos\u00e4uren setzt Evonik auf einen Mega\u00adtrend, den einer aufstrebenden Mittelschicht in Schwellenl\u00e4ndern. &#8220;Diese Menschen investieren einen gro\u00dfen Teil ihres neu gewonnenen Wohlstands in eine bessere Ern\u00e4hrung. F\u00fcr viele bedeutet das schlicht, mehr Fleisch zu essen&#8221;, so Thomas Kaufmann, zust\u00e4ndig f\u00fcr New Business Development in Evoniks Ern\u00e4hrungssparte. Food Conversion \u2013 im deutschen mit Futterverwertung umschrieben \u2013 wird zum Zauberwort. Die Formel: Je besser das Futter verwertet wird, desto weniger muss davon eingesetzt werden, desto nachhaltiger wird die Fleischproduktion. Das Gesch\u00e4ft mit der fermentativ hergestellten Futtermittelaminos\u00e4ure L-Lysin baut Evonik derzeit deutlich aus und investiert hier rund 350 Millionen Euro bis 2014. Dazu geh\u00f6ren der Bau neuer Anlagen f\u00fcr L-Lysin in Brasilien und Russland sowie die Erweiterung der Produktion im nordamerikanischen Blair auf 280.000 Tonnen pro Jahr, die gerade abgeschlossen wurde. <\/p>\n<p><b>Cent-Betr\u00e4ge bei jedem verkauften Kilo<\/b><br \/>&#8220;Bis 2020 wollen wir bei Evonik allein im Gesch\u00e4ftsbereich Health &#038; Nutrition mit biotechnologisch hergestellten Produkten eine Milliarden Euro umsetzen&#8221;, sagt Reiner Beste, Chef des Gesch\u00e4ftsbereichs Health &#038; Nutrition. Doch der Markt ist umk\u00e4mpft. Es geht um Cent-Betr\u00e4ge bei jedem verkauften Kilo. Basis f\u00fcr die Lysin-Produktion ist Dextrose. Im US-amerikanischen Werk in Nebraska wird diese direkt vom Nachbarn Cargill hergestellt und &#8220;over the fence&#8221; weitergereicht. Eine Art Symbiose. In Zukunft sollen jedoch weitere Substrate entwickelt werden, um unabh\u00e4ngiger vom Zucker zu werden. Beim Verkauf von Aminos\u00e4uren will es Evonik nicht belassen. &#8220;Biotechnologie ist f\u00fcr uns eine wesentliche Technologieplattform und Kernkompetenz und damit wichtig f\u00fcr unsere Wachstumsstrategie&#8221;, sagt Peter Nagler, Chief Innovation Officer bei Evonik. Er verweist auf weitere Erfolgsbeispiele. <\/p>\n<p>So sei es gelungen, die sechsstufige Synthese des Kosmetikzusatzstoffes Myristyl-Myristat mit Hilfe eines enzymatischen Prozesses auf nur noch eine Stufe zu verk\u00fcrzen. In Forschung und Entwicklung werden bei Evonik jedes Jahr rund 3 Prozent des Umsatzes investiert \u2013 das waren 2011 etwa 365 Millionen Euro. Mehr als 30 Millionen Euro davon in die Biotechnologie. Im Vergleich zum Pharmastandard von etwa 10 bis 20 Prozent des Umsatzes mag das wenig erscheinen. Gegen\u00fcber seinen Wettbewerbern bewege sich Evonik damit aber auf Augenh\u00f6he. &#8220;Wir setzen f\u00fcr die Zukunft zum Beispiel auch auf Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen&#8221;, so Nagler. Wenn diese Produkte mit speziellen Eigenschaften versehen sind, w\u00fcrde auch ein Premiumpreis bezahlt werden.<\/p>\n<p><b>Personalisierte Medizin in der landwirtschaftlichen Tierhaltung<\/b><br \/>Evonik denkt hier sogar weiter und versucht, einen weiteren Trend aus der Pharmabranche in die landwirtschaftliche Tierhaltung zu \u00fcbertragen: die personalisierte Medizin. &#8220;Wir finden immer wieder Produzenten, die teilweise direkt nebeneinander Tiere unter den gleichen Bedingungen halten, aber v\u00f6llig verschiedene Ergebnisse erzielen&#8221;, so Kaufmann. Ein Ansatz k\u00f6nnte sein, das Mikrobiom der Tiere mit Hilfe neuerer Methoden zu analysieren und durch spezielle Ern\u00e4hrung gegenzusteuern. Ein kompliziertes Unterfangen. &#8220;Aber selbst als Beratungsgesch\u00e4ft ist das interessant&#8221;, sagt Kaufmann. Die daf\u00fcr ben\u00f6tigten Tools und Technologien m\u00fcssten vor Ort einsetzbar, billig und robust sein. &#8220;F\u00fcr Pharmakonzerne sind die Margen hier zu niedrig, \u00fcber die gute Vernetzung mit dem existenten Produktportfolio und den weltweit etablierten Kundenpartnerschaften k\u00f6nnte es f\u00fcr uns aber interessant werden.&#8221; Zukunftsmusik, an der in Halle komponiert wird. Der Konzern will sich aber nicht nur auf sich selbst verlassen. Er unterst\u00fctzt Kooperationen mit Biotech-Unternehmen, unter anderem im Rahmen des Biotechnologie-Clusters CLIB2021.<\/p>\n<p>Auch ein neuer Venture Fonds soll helfen. Hierf\u00fcr wurden bis zu 100 Millionen Euro zur Seite gelegt. In den USA, Europa und Asien wird nun nach neuen M\u00f6glichkeiten gesucht, auch in der Biotechnologie. Zun\u00e4chst \u00fcber indirekte Investitionen in bestehende VC-Fonds. &#8220;Wir m\u00fcssten viele Leute einstellen, um den Markt so gut zu screenen, wie diese das bereits tun&#8221;, sagt Nagler. Mit einem eigenen VC-Fonds befindet sich Evonik in guter Gesellschaft. Auch Konzerne wie DSM oder die BASF haben seit einigen Jahren eine eigene Venture-Sparte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Rund 650 Millionen Euro bietet der weltgr&ouml;&szlig;te Chemiekonzern BASF f&uuml;r das norwegische Biotech-Unternehmen Pronova. 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