{"id":129029,"date":"2023-07-10T07:20:00","date_gmt":"2023-07-10T05:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=129029"},"modified":"2023-07-05T10:52:25","modified_gmt":"2023-07-05T08:52:25","slug":"elektrifizierung-recycling-und-erneuerbare-rohstoffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/elektrifizierung-recycling-und-erneuerbare-rohstoffe\/","title":{"rendered":"Elektrifizierung, Recycling und erneuerbare Rohstoffe"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Die Energiekrise und die j\u00fcngste Reform des EU-Emissionshandels erfordern, dass Chemieunternehmen sich z\u00fcgig unabh\u00e4ngig von fossilen Rohstoffen machen und ihre Emissionen senken. Das l\u00e4sst sich durch die Kombination aus einer besseren Kreislauff\u00fchrung der Produkte, dem Umstieg auf strombasierte Prozessw\u00e4rme und dem Einsatz erneuerbarer Rohstoffe erreichen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte der Treibhausgasemissionen von chemischen Produkten in Deutschland entsteht mit ihrem Nutzungsende bei der Verbrennung von Abf\u00e4llen. Auch bei der Rohstofff\u00f6rderung f\u00fcr Basischemikalien, die zu 90 Prozent auf \u00d6l und Erdgas basieren, fallen CO\u2082-Emissionen an. Damit sind die vor- und nachgelagerten Treibhausgas\u00ademissionen laut einer neuen Studie von Agora Industrie bis zu dreimal h\u00f6her als der direkte CO\u2082-Aussto\u00df bei der Herstellung von Produkten der chemischen Industrie. Deswegen ist neben der Minderung von Prozessemissionen vor allem eine erneuerbare Rohstoffbasis Voraussetzung f\u00fcr klimaneutrale Chemieprodukte. Die Agora-Studie schl\u00e4gt daher einen dreiteiligen Ansatz vor, der den gesamten Lebenszyklus von Chemikalien ber\u00fccksichtigt: Erstens die Erzeugung von Prozessw\u00e4rme mit strombasierten Technologien, um den Erdgasbedarf zu senken, zweitens besseres Recycling und Kreislauff\u00fchrung von chemischen Erzeugnissen, um den Energie- und Rohstoffbedarf zu minimieren, und drittens der Einsatz von erneuerbaren Ressourcen, wie nachhaltiger Biomasse, um den k\u00fcnftigen Bedarf an erneuerbarem Wasserstoff und Strom zu begrenzen. Durch die Nutzung des in Biomasse enthaltenen Kohlenstoffs k\u00f6nnte die Chemieindustrie sogar dazu beitragen, CO\u2082 langfristig in ihren Produkten zu binden, wenn diese mehrfach recycelt werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIn der Chemieindustrie steht ein Paradigmenwechsel an: weg von Verbrauchen und Verbrennen, hin zur Wiederverwertung und der Verwendung nachwachsender Rohstoffe. Darin steckt ein enormes Potenzial f\u00fcr neue CO\u2082-Speicher und -Senken\u201c, sagt Frank Peter, Direktor von Agora Industrie. Hohe Preise f\u00fcr fossile Energien und die Versch\u00e4rfung des europ\u00e4ischen Emissionshandels erfordern eine z\u00fcgige Transformation der chemischen Industrie. Die im Zertifikatehandel festgelegte Emissionsobergrenze gibt vor, dass europ\u00e4ische Industrieunternehmen bis 2040 Klimaneutralit\u00e4t erreichen m\u00fcssen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es flankierende Politikma\u00dfnahmen, sagt Peter: \u201eDie Bundesregierung steht in der Verantwortung, z\u00fcgig den regulatorischen Rahmen f\u00fcr eine klimaneutrale Chemieindustrie zu schaffen und damit Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Innovationskraft zu st\u00e4rken. Damit k\u00f6nnen die Unternehmen ihre Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Ressourcen reduzieren, ihre Resilienz verbessern und neue Produktinnovationen f\u00fcr eine weltweit steigende klimaneutrale Nachfrage entwickeln.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Elektrifizierung spielt eine entscheidende Rolle bei der Transformation der chemischen Industrie: 40 Prozent ihres Verbrauchs an fossilen Ressourcen fallen auf die energetische Nutzung zur Strom- und W\u00e4rmeerzeugung. \u201eDer Ersatz von Erdgas ist f\u00fcr die Chemieindustrie vor dem Hintergrund der Energiekrise aktueller denn je\u201c, sagt Peter. Die EU-rechtlichen Vorgaben sehen als Ma\u00dfnahme gegen die Energiekrise eine Halbierung des Erdgasverbrauchs in der deutschen Industrie bis 2030 vor. Statt mit Erdgas kann Prozessw\u00e4rme klimaneutral etwa durch W\u00e4rmepumpen, Elektrodenkessel oder elektrische Steamcracker bereitgestellt werden. Ein auf Flexibilit\u00e4t ausgerichteter Strombezug in Kombination mit W\u00e4rmespeichersystemen st\u00e4rkt zudem die Integration von Erneuerbaren Energien im Stromnetz insgesamt. Durch die Elektrifizierung von Prozessw\u00e4rme sinkt der Energiebedarf zur W\u00e4rmeerzeugung der Chemieindustrie laut Agora Studie im Vergleich zu heute sogar um 15 Prozent. Die Verwendung von erneuerbarem Wasserstoff als Brennstoffersatz w\u00fcrde dagegen einen Anstieg um 31 Prozent bedeuten. F\u00fcr die Herstellung der Basischemikalien Ammoniak und Methanol sehen die Autorinnen und Autoren der Studie erneuerbaren Wasserstoff hingegen f\u00fcr unverzichtbar \u2013 bislang dient hier erdgasbasierter Wasserstoff als Basis.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Teil der klimasch\u00e4dlichen Emissionen von Chemieprodukten f\u00e4llt \u2013 nach oft kurzer Verwendungszeit \u2013 bei ihrer Verbrennung an. Da die meisten chemischen Erzeugnisse Kohlenstoff enthalten, der bei ihrer Verbrennung als CO\u2082 freigesetzt wird, nennt die Agora-Studie als zweiten Punkt einer Transformationsstrategie die verbesserte Kreislauff\u00fchrung von chemischen Produkten. \u201eKunststoffabfall ist eine v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigte Ressource. Wenn wir Kohlenstoffkreisl\u00e4ufe schlie\u00dfen, anstatt nach einmaliger Nutzung durch die Verbrennung CO\u2082 in die Atmosph\u00e4re freizusetzen, reduzieren wir sowohl Emissionen als auch den Rohstoffbedarf\u201c, sagt Peter. Um Kohlenstoff im Kreislauf zu halten, br\u00e4uchte es etwa h\u00f6here Recyclingquoten und -standards. Als Vorbild wird das Pfand- und Recyclingsystem f\u00fcr PET-Flaschen genannt, wo durch ein gutes Sammel- und Sortiersystem sowie Produktvorgaben qualitativ hochwertige Rezyklate entstehen. Ein Produktdesign, das auf Recycling ausgelegt ist, sowie die Anwendung neuer chemischer Recyclingverfahren, k\u00f6nne die Recyclingquote f\u00fcr Kunststoffabf\u00e4lle EU-weit stark erh\u00f6hen \u2013 von heute 15 auf 75 Prozent. Die geplante Bepreisung der Emissionen aus der Abfallverbrennung im europ\u00e4ischen Emissionshandel macht Kunststoffrecycling au\u00dferdem wirtschaftlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Besseres Recycling k\u00f6nnte den Rohstoffbedarf f\u00fcr die Herstellung neuer Produkte im Vergleich zu heute um gut 20 Prozent reduzieren. Der \u00fcbrige Bedarf m\u00fcsste f\u00fcr die Herstellung klimaneutraler Produkte durch erneuerbare Rohstoffquellen gedeckt werden. Als m\u00f6gliche erneuerbare Kohlenstoffquellen nennt die Agora Studie abgeschiedenes CO\u2082 aus der Luft sowie Biomasse aus Abf\u00e4llen und R\u00fcckst\u00e4nden aus dem Landwirtschafts- sowie Holzverarbeitungssektor, Biom\u00fcll aus Haushalten und der Industrie, aber auch Holzreststoffe, f\u00fcr die ansonsten lediglich die Verbrennung infrage kommt \u2013 wobei CO\u2082 freigesetzt wird. Mit derzeit ungenutzter Rest- und Abfallbiomasse kann laut Agora Industrie mindestens ein Viertel des verbleibenden Bedarfs der Chemieindustrie an Kohlenstoff gedeckt werden. Je nachdem, wie viel Biomasse tats\u00e4chlich zur Verf\u00fcgung steht, \u2013 abh\u00e4ngig etwa von der Nutzung f\u00fcr die W\u00e4rmebereitstellung \u2013 lie\u00dfen sich sogar alle Kunststoffe auf dieser Basis herstellen, was den Bedarf an Wasserstoff und damit an Strom stark reduziert w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Umstellung auf eine erneuerbare Rohstoffbasis von chemischen Produkten wird auch vor dem Hintergrund der fortschreitenden Umstellung auf Elektromobilit\u00e4t f\u00fcr die Chemieindustrie immer dr\u00e4ngender\u201c, sagt der Agora Industrie Direktor. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Chemieindustrie bezieht n\u00e4mlich einen Gro\u00dfteil \u2013 fast dreiviertel \u2013 ihres Rohstoffbedarfs aus Raffinerien zur Kraftstoffherstellung. Dort entsteht als Nebenprodukt bei der Raffination von Erd\u00f6l etwa Naphtha, das als Basis von fast allen Kunststoffprodukten dient.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDurch die Nutzung von Biomasse als Rohstoff kann die Chemiebranche Kohlenstoff langfristig speichern. Je l\u00e4nger dieser in Produkten gebunden im Kreislauf bleibt, desto besser f\u00fcr das Klima\u201c, sagt Peter. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Heute wird etwa ein Viertel der in Deutschland produzierten Biomasse verbrannt. Wird der biogene Kohlenstoff stattdessen in Materialien und Produkten gespeichert, entsteht eine tempor\u00e4re CO\u2082-Senke. Es wird also mehr CO\u2082 gebunden als freigesetzt. Dieser klimapositive Effekt kann in Kombination mit einer verbesserten Kreislaufwirtschaft maximiert werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWir brauchen dringend einen Transformationsfahrplan f\u00fcr eine wettbewerbsstarke klimaneutrale Chemieindustrie in Deutschland\u201c, fordert Peter. \u201eEine energie- und ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft, deren Grundlage Erneuerbare Energien und erneuerbare Rohstoffe sind, ebnet den Weg zu einer klimapositiven Chemiebranche.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Impuls \u201eChemie im Wandel. Die drei Grundpfeiler f\u00fcr die Transformation chemischer Wertsch\u00f6pfungsketten\u201c ist in Zusammenarbeit mit dem Datenanalyseunternehmen Carbon Minds und Energy and Process Systems Engineering, einem Forschungsinstitut der ETH Z\u00fcrich im Auftrag von Agora Industrie erschienen. Die 58-seitige Publikation enth\u00e4lt eine \u00dcbersicht \u00fcber die indirekten und direkten Treibhausgasemissionen der deutschen Chemieindustrie, ihren Energie- und Rohstoffverbrauch und leitet daraus eine dreiteilige Strategie zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und Rohstoffverbrauch ab. Die Publikation und die darin enthaltenen Handlungsempfehlungen stehen zum kostenlosen Download unter&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.agora-energiewende.de\/\" target=\"_blank\">www.agora-energiewende.de<\/a>&nbsp;zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber Agora Industrie<\/h3>\n\n\n\n<p>Agora Industrie erarbeitet unter dem Dach von Agora Energiewende Strategien und Politikinstrumente f\u00fcr eine Transformation der Industrie zur Klimaneutralit\u00e4t \u2013 in Deutschland, Europa und international. Agora Industrie agiert unabh\u00e4ngig von wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen und ist ausschlie\u00dflich dem Klimaschutz verpflichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Energiekrise und die j\u00fcngste Reform des EU-Emissionshandels erfordern, dass Chemieunternehmen sich z\u00fcgig unabh\u00e4ngig von fossilen Rohstoffen machen und ihre Emissionen senken. Das l\u00e4sst sich durch die Kombination aus einer besseren Kreislauff\u00fchrung der Produkte, dem Umstieg auf strombasierte Prozessw\u00e4rme und dem Einsatz erneuerbarer Rohstoffe erreichen. 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