{"id":12539,"date":"2011-05-08T00:00:00","date_gmt":"2011-05-07T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20110510-01n"},"modified":"2011-05-08T00:00:00","modified_gmt":"2011-05-07T22:00:00","slug":"jute-comeback-der-naturfaser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/jute-comeback-der-naturfaser\/","title":{"rendered":"Jute: Comeback der Naturfaser"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Naturfaser ist das Symbol der \u00d6kobewegung. Aber aus Jute l\u00e4sst sich mehr machen als Taschen und Fu\u00dfmatten. Sie steckt auch in Autot\u00fcren und Armaturen.<\/b><\/p>\n<p>Kartoffeln und Reis sind derzeit die sch\u00e4rfsten Konkurrenten der Jute. Daran sind Mobiltelefone schuld. Denn seit Bauern in Indien und Bangladesch per Handy jederzeit die Marktpreise von Jute und Reis abfragen, entscheiden sie sich immer h\u00e4ufiger, statt Corchurus-Pflanzen, aus deren St\u00e4ngeln die Jute-Fasern gewonnen werden, Reispflanzen anzubauen. Letztere k\u00f6nnen sie nicht nur mehrmals im Jahr ernten, damit erzielen sie oft auch einen h\u00f6heren Preis.<\/p>\n<p>&#8220;Mit dieser Konkurrenz muss Jute leben&#8221;, sagt Peter Clasen. Er ist der Sohn von Wilhelm G. Clasen, der 1919 in Hamburg ein gleichnamiges Handelshaus gr\u00fcndete, das sich auf die Naturfaser spezialisierte. Ein &#8220;Start-up f\u00fcr Jute&#8221; nach dem Ersten Weltkrieg, nennt es Peter Clasen. Heute ist das Unternehmen aus der Hansestadt beim Handel mit Naturfasern weltweit f\u00fchrend. Peter Clasen und sein Sohn Christian, der in dritter Generation im Unternehmen arbeitet, liefern nach China, Russland, Brasilien &#8211; und nat\u00fcrlich Deutschland. Kauft ein deutscher Zulieferer Jute von einem H\u00e4ndler &#8211; stammt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Hamburger Handelshaus. Denn es gibt nahezu keine Konkurrenten mehr.<\/p>\n<p>Dabei erlebt die &#8220;goldene Faser&#8221;, wie die Jute genannt wird, eine Renaissance. Nach Baumwolle ist sie mehr denn je die wichtigste Naturfaser weltweit. &#8220;Seit 2009 ist die Nachfrage deutlich gestiegen&#8221;, sagt Christian Clasen. Steigende \u00d6lpreise, die Diskussion \u00fcber Klimawandel, der politische Druck, den CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df zu reduzieren, all das haben der Jute und anderen Naturfasern neue Aufmerksamkeit und Verwendungsm\u00f6glichkeiten verschafft. Besonders in der Automobilindustrie. Sie hat die robuste Faser als st\u00e4rkenden F\u00fcllstoff f\u00fcr sich entdeckt. &#8220;Besonders die Automobilindustrie in den USA hat umgedacht&#8221;, sagt Clasen. &#8220;Aber auch die Hersteller in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.&#8221;<\/p>\n<p>Bis heute wird Jute in Handarbeit von Kleinbauern auf den Feldern in Indien oder Bangladesch geerntet und nach 20 Tagen &#8220;r\u00f6sten&#8221; aus den St\u00e4ngeln gel\u00f6st. Von dort aus wird sie in alle Welt verschifft. L\u00e4ngst ist sie zu einem heimlichen Beifahrer geworden &#8211; in vielen neuen Automodellen f\u00e4hrt sie in T\u00fcrverkleidungen, in Armaturen, Hutablagen mit. In diesen Bauteilen sind Jute und andere Naturfasern wie Hanf oder Flachs enthalten. Im neuen Mercedes CLS zum Beispiel. Insgesamt 56 Bauteile der Karosserie mit einem Gesamtgewicht von knapp 31 Kilogramm werden unter der Verwendung von Naturmaterialien wie Jute, Flachs, Sisal, Abac\u00e1 oder Hanf hergestellt. &#8220;Sie werden als Ersatz f\u00fcr Mineralfasern wie Glasfasern eingesetzt&#8221;, sagt Helfried Scharf von der Daimler AG. &#8220;Naturfasern haben als Verst\u00e4rkungsmaterial gleich gute Eigenschaften, sind aber deutlich leichter als Mineralfasern&#8221;, sagt Scharf.<\/p>\n<p>Auch bei einem aktuellen 7er-BMW fahren 13 Kilogramm Naturfasern mit. Bei BMW eher Hanf oder Flachs. Sie sind im Sitz, in Isolierungen, in der R\u00fcckenwandlehne. &#8220;Naturfasern zeigen gute mechanische Eigenschaften, sind leicht und trotzdem stabil, und ihre Verwendung ist im Sinne eines nachhaltigen Ressourceneinsatzes&#8221;, sagt Ingeborg Garth von der Abteilung Verbundwerkstoffe bei BMW. &#8220;St\u00e4ndig steigende Rohstoffpreise aufgrund der \u00d6lpreissteigerung in den vergangenen Jahren machen den Einsatz von Naturfasern notwendig&#8221;, sagt Garth.<\/p>\n<p>Laut der aktuellen Analyse des deutschen nova-Instituts betr\u00e4gt der j\u00e4hrliche Verbrauch von Naturfasern in der europ\u00e4ischen Automobil-Industrie schon jetzt bis zu 20 000 Tonnen. &#8220;Und das Interesse an den Naturfasern steigt deutlich&#8221;, sagt Lena Scholz, die am Institut verantwortlich f\u00fcr Biowerkstoffe ist. &#8220;Die Nachfragen erh\u00f6hen sich.&#8221; Wie aus einem Report des Instituts hervorgeht, k\u00f6nnen Naturfasern in den Autoinnenteilen zu einer signifikanten Reduktion von CO<sub>2<\/sub>-Ausst\u00f6\u00dfen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Zahlen der Weltproduktion von Jute schwanken. Nach Angaben der Vereinten Nationen liegt sie derzeit bei etwa 2,8 Millionen Tonnen. Tendenz steigend. Gr\u00f6\u00dfter Produzent ist Indien, gefolgt von Bangladesch und s\u00fcdasiatischen L\u00e4ndern wie Myanmar. Weltweit leben etwa zehn bis zw\u00f6lf Millionen Kleinbauern vom Anbau der Corchurus-Pflanzen, aus denen Jute gewonnen wird.<\/p>\n<p>Peter Clasen und sein Sohn Christian haben also alles richtig gemacht, als sie sich 2005 dazu entschieden, gegen den Strom zu schwimmen. Obwohl die gro\u00dfen Konkurrenten den Handel mit Jute bereits eingestellt hatten, gr\u00fcndeten sie ein Joint Venture in Bangladesch. An beiden Standorten zusammen z\u00e4hlt das Unternehmen rund 20 Mitarbeiter im Handel. In einer Jutefabrik im S\u00fcden von Bangladesch mit etwa 50 Mitarbeitern werden Jute und andere Naturfasern verarbeitet &#8211; nur die Verwendung, die hat sich stark ver\u00e4ndert, seit Wilhelm G. Clasen in seiner Ausbildung die &#8220;Liebe zu den Naturfasern&#8221; entdeckte und vor mehr als 90 Jahren das Handelshaus gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Hamburg galt damals als gr\u00f6\u00dfter Transithafen f\u00fcr Jute, nahezu alles, was in Ballen oder S\u00e4cken eintraf, war in Jutes\u00e4cken verpackt. Taue und Seile wurden aus Jutefasern gedreht, Polsterm\u00f6bel damit ausgef\u00fcttert, Linoleumb\u00f6den hergestellt. &#8220;Das war ein Rohstoff, der eine enorme Bedeutung hatte&#8221;, erinnert sich Peter Clasen. Deutschland war zu dieser Zeit mit Jutespinnereien \u00fcbers\u00e4t. &#8220;Allein in Hamburg gab es drei gro\u00dfe Spinnereien, in denen etwa 3.000 Menschen arbeiteten&#8221;, sagt Clasen. Damals h\u00e4tte er in der Zeitung noch die Kursnotierungen der Jute an den Rohstoffb\u00f6rsen gelesen. Dann kamen in den 60er-Jahren die Container, l\u00f6sten Jute als Verpackungsmaterial ab, synthetische Materialien ersetzten die Naturfasern. Nur in den 80er-Jahren erlebte die Faser nochmals ein Hoch, als sie in Form einer quadratischen Einkaufstasche mit dem Aufdruck &#8220;Jute statt Plastik&#8221; zum Symbol der \u00d6kobewegung wurde.<\/p>\n<p>Und nun also die R\u00fcckkehr. Nicht als Einkaufstasche, aber als zukunftsweisendes Material f\u00fcr den Automobilmarkt und als Herausforderung f\u00fcr die Hamburger. &#8220;Wir liefern keine Hochtechnologie, keine Luxusautos. Wir sind im Rohstoffgesch\u00e4ft t\u00e4tig&#8221;, sagt Peter Clasen. Soll hei\u00dfen: Ein hochsensibler Markt &#8211; abh\u00e4ngig von den Weltmarktpreisen und den Bauern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Die Naturfaser ist das Symbol der &Ouml;kobewegung. Aber aus Jute l&auml;sst sich mehr machen als Taschen und Fu&szlig;matten. 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