{"id":125365,"date":"2023-04-18T07:20:00","date_gmt":"2023-04-18T05:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=125365"},"modified":"2023-04-18T07:52:47","modified_gmt":"2023-04-18T05:52:47","slug":"lebensmittel-als-treibstoff-fur-autos-weniger-fleisch-mehr-biosprit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/lebensmittel-als-treibstoff-fur-autos-weniger-fleisch-mehr-biosprit\/","title":{"rendered":"Lebensmittel als Treibstoff f\u00fcr Autos: Weniger Fleisch, mehr Biosprit?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Ein langer G\u00fcterzug mit Raps\u00f6l steht auf den Gleisen hinter der Agrokraftstoff\u00adfabrik im brandenburgischen Schwedt. Ein Arbeiter schlie\u00dft ein Rohr an einen der 20 Kesselwagen. Dann saugt eine Pumpe das Raps\u00f6l in 15 Meter hohe Edelstahltanks. Man k\u00f6nnte mit dem \u00d6l Margarine herstellen, braten oder Salate anmachen. Aber in diesem Werk des gr\u00f6\u00dften deutschen&nbsp;<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Agrosprit\/!t5030945\/\" rel=\"noreferrer noopener\">Agro\u00adsprit<\/a>produzenten Verbio wird aus dem Pflanzen\u00f6l in gro\u00dfen Reaktoren Biodiesel. Raffinerien mischen Sprit aus Erd\u00f6l bei. Wer Diesel tankt, bekommt in der Regel so ein Gemisch.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"624\" height=\"312\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/04\/22981501-1.jpeg\" alt=\"Bayern, Hinterskirchen: Ein Weg f\u00fchrt zwischen zwei bl\u00fchenden Rapsfeldern hindurch (Luftaufnahme mit Drohne)\" class=\"wp-image-125380\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/04\/22981501-1.jpeg 624w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/04\/22981501-1-300x150.jpeg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/04\/22981501-1-150x75.jpeg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/04\/22981501-1-400x200.jpeg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><figcaption>Bayern, Hinterskirchen: Ein Weg f\u00fchrt zwischen zwei bl\u00fchenden Rapsfeldern hindurch (Luftaufnahme mit Drohne). Foto: Armin Weigel\/dpa +++ dpa-Bildfunk +++<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In einem anderen Teil der Fabrik kippt gerade ein Lastwagen 25 Tonnen Roggen in eine \u00d6ffnung im Boden. F\u00f6rderanlagen transportieren die gelben K\u00f6rner von dort in die M\u00fchle oben im Geb\u00e4ude. Es riecht nach Vergorenem. Denn das Roggenmehl wird in Kesseln von Hefen umgewandelt in Ethanol, das Benzin beigemischt wird. Sprit mit 5 Prozent Bioanteil hei\u00dft an der Tankstelle Super E5. Vor der Verbio-Halle warten weitere Lastz\u00fcge mit noch mehr Getreide, das ebenfalls nicht auf dem Teller, sondern im Tank landen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Claus Sauter steht auf einer Br\u00fccke \u00fcber den Lastwagen. Er ist der Vorstandsvorsitzende von Verbio, einer b\u00f6rsennotierten Aktiengesellschaft mit j\u00fcngst rund einer Milliarde Euro Jahresumsatz und mittlerweile 1.300 MitarbeiterInnen in Sachsen-Anhalt, in Brandenburg sowie im Ausland. Sauter tr\u00e4gt eine gr\u00fcngraue Arbeitsjacke mit vielen Rei\u00dfverschlusstaschen, wie sie bei Landwirten beliebt ist. Er will mit der taz reden. Denn Umweltsch\u00fctzer und Gr\u00fcne werfen ihm vor, er trage zum Hunger in der Welt bei, weil f\u00fcr seine Kraftstoffe Lebensmittel und knappe Ackerfl\u00e4chen verbraucht w\u00fcrden. Au\u00dferdem sei Agrosprit gar nicht klimafreundlicher als fossile Kraftstoffe. Nun will Sauter sein Gesch\u00e4ft verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lebensmittelpreise steigen seit dem Krieg gegen die Ukraine<\/h3>\n\n\n\n<p>Sein Problem hat begonnen, als im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine die Lebensmittelpreise weltweit stark stiegen. Das tr\u00e4gt dazu bei, dass immer mehr Menschen weltweit hungern. Auch deshalb hat Bundesumweltministerin Steffi Lemke einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Sauters Gesch\u00e4ft empfindlich treffen w\u00fcrde. Die Gr\u00fcne will, dass die Mineral\u00f6lkonzerne die von der EU geforderten Treibhausgaseinsparungen nicht mehr dadurch erf\u00fcllen d\u00fcrfen, dass sie Benzin und Diesel Agrosprit beimischen. Das k\u00f6nnte Verbio die H\u00e4lfte seines Agrokraftstoffumsatzes kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Sauter weist die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck \u2013 und zwar mit kr\u00e4ftiger Stimme und vielen Anekdoten, wie man es von einem bayerischen Landwirt erwarten kann. \u201eDiese Tank-oder-Teller-Debatte geht total am Thema vorbei\u201c, sagt der Konzernchef. \u201eIn Deutschland werden mehr als 50 Prozent des Getreides wie Mais, Roggen oder Weizen verf\u00fcttert. Nur etwas mehr als 20 Prozent landen wirklich auf dem Teller, gerade einmal 10 Prozent werden energetisch verwertet. Zum Beispiel f\u00fcr Biokraftstoffe.\u201c Daraus folgert Sauter: \u201eWir m\u00fcssen weniger Fleisch essen. Dann h\u00e4tten wir selbst in Krisen genug Getreide und genug Ackerfl\u00e4chen f\u00fcr die direkte Ern\u00e4hrung und f\u00fcr die Bioenergieproduktion.\u201c Zudem w\u00fcrde dann der Anbau von Agrospritpflanzen nicht die Nahrungsmittelerzeugung etwa in W\u00e4lder und Moore in anderen Weltgegenden verdr\u00e4ngen, was Rodungen und Trockenlegungen zur Folge haben kann. Diese indirekten Effekte f\u00fchren Studien zufolge zu einer negativen Klimabilanz. Da diese Wirkung in den amtlichen Berechnungen fehlen, spart Agrosprit offiziell Treibhausgase ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eFleischproduktion ist Energievernichtung\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch braucht man bis zu zehn Kilo Getreide als Futter\u201c, sagt Sauter. \u201eFleischproduktion ist Energievernichtung.\u201c Und es sei auch viel ges\u00fcnder und moralisch besser, weniger Fleisch zu essen. Die UN-Organisation f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (FAO) etwa prognostiziert aber, dass die globale Fleischproduktion perspektivisch zunehmen wird. \u201eDas ist Quatsch\u201c, ist Sauter \u00fcberzeugt. \u201eDer Fleischverbrauch wird nicht steigen, denn wenn der Bauer eine Alternative und einen sicheren Abnehmer hat und der ihm ordentliches Geld zahlt, dann wird der kein Fleisch mehr produzieren.\u201c Und dieser Abnehmer sei die Bioenergiebranche. Gegenteilige Prognosen w\u00fcrden nur alte Trends fortschreiben, aber diese w\u00fcrden gebrochen \u201evor allem wegen der gesellschaftlichen Entwicklung\u201c zu weniger Fleischkonsum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die FAO hat dieses neue Bewusstsein etwa in ihrem \u201e<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/agriculture-and-food\/oecd-fao-agricultural-outlook-2022-2031_f1b0b29c-en\" rel=\"noreferrer noopener\">Agri\u00adcultural Outlook 2022\u20132031<\/a>\u201c ber\u00fccksichtigt. In reicheren L\u00e4ndern \u2013 steht dort \u2013 werde erwartet, dass die Nachfrage nach Fleisch angesichts der alternden Bev\u00f6lkerung und gr\u00f6\u00dferer Ern\u00e4hrungsbedenken \u201eabflacht oder tendenziell sinkt\u201c. In Staaten mit niedrigeren Einkommen dagegen w\u00fcrden \u201esowohl das Bev\u00f6lkerungs- als auch das Einkommenswachstum zu einem h\u00f6heren Gesamtkonsum f\u00fchren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich, Prognosen sind immer unsicher. Doch selbst, falls die Fleischproduktion auch global sinkt, sehen Umweltsch\u00fctzer keinen Raum f\u00fcr die Agrokraftstoffproduktion. \u201eWenn wir weniger Getreide f\u00fcr die Fleischproduktion anbauen m\u00fcssen, dann sollten wir auf den freien Fl\u00e4chen lieber wieder Wald wachsen lassen, statt dort Agrospritpflanzen anzubauen\u201c, sagt Martin Hofstetter, Agraringenieur bei Greenpeace. Der Wald k\u00f6nnte der Atmosph\u00e4re sogar CO<sub>2<\/sub>&nbsp;entziehen, w\u00e4re also viel klimafreundlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb bestreitet Unternehmer Sauter, dass Lebensmittel wirklich knapp seien. \u201eWir haben doch immer noch \u00dcberfluss. Diese Geschichte, dass die Welt verhungert, die ist doch schon l\u00e4ngst vorbei\u201c, sagt er. Viele Agrar\u00adrohstoffe wie Weizen kosteten mittlerweile so viel wie vor dem russischen Angriff vom Februar 2022. \u201eDas Grundproblem bleibt\u201c, antwortet Hofstetter darauf. Die Weltmarktpreise seien immer noch hoch. Und wegen der staatlichen Anreize lohne es sich weiterhin, aus Getreide zuerst Agrosprit herzustellen. \u201eDas wird in der n\u00e4chsten Krise wieder so sein.\u201c Dann w\u00fcrden die Preise erneut explodieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sauter argumentiert auch, dass sich zum Beispiel sein Roggen gar nicht eigne f\u00fcr Lebensmittel. Verbio kaufe etwa Getreide, das von einem Pilz befallen sei. Wie viel des Roggens hier ist im F\u00fcnfjahresschnitt ungenie\u00dfbar? \u201e20 Prozent, w\u00fcrde ich sagen. Der Rest ist Futtergetreide\u201c, antwortet der Konzernchef. Solche Getreidesorten haben weniger Protein als Sorten f\u00fcr Brot.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit dem Roggen lie\u00dfe sich auch Brot backen<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber: Greenpeace hat vor einigen Monaten aus \u201eFutterweizen\u201c leckeres Brot backen lassen. Das w\u00fcrde auch mit \u201eFutterroggen\u201c funktionieren, best\u00e4tigt Hofstetter. Man m\u00fcsse nur die Verarbeitung zu Teig etwas anpassen. Und beim Raps\u00f6l in seinem Werk r\u00e4umt Konzernchef Sauter unumwunden ein, dass man es auch als Lebensmittel verwenden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon verarbeitet Verbio gigantische Mengen, laut Sauter gar die H\u00e4lfte der Rapsernte in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern. Aus Reststoffen wie Stroh oder G\u00fclle dagegen macht Verbio nur vergleichsweise wenig \u201eBiokraftstoffe der zweiten Generation\u201c. So viel g\u00fcnstige G\u00fclle steht dann doch nicht zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Gegenargumente zeigt sich Sauter unbeeindruckt vom Entwurf der Umweltministerin, der die staatlichen Anreize f\u00fcr Biosprit aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen bis 2030 beenden soll. Lemke will, dass sich die Mineral\u00f6lkonzerne ab 2024 nur noch 2,3 Prozent statt wie bisher 4,4 Prozent solcher Agrokraftstoffe an ihr Energieangebot anrechnen lassen k\u00f6nnen, um die Pflicht zum Einsparen von Treibhausgasen zu erf\u00fcllen. Bis 2030 soll die Quote nach und nach auf null sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Lemke hat sich verrannt\u201c, sagt Sauter. In der Ampelkoalition habe sich au\u00dfer der FDP nun auch die SPD dagegen ausgesprochen. Damit d\u00fcrfte Sauters Gesch\u00e4ft erst mal sicher bleiben. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass die EU ab 2035 keine neuen Pkws mit Verbrennungsmotoren mehr zulassen will. \u201eDa geht es ja haupts\u00e4chlich um den Pkw\u201c, sagt Sauter, \u201eder gr\u00f6\u00dfte Teil unserer Produktion geht in die Lkws.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein langer G\u00fcterzug mit Raps\u00f6l steht auf den Gleisen hinter der Agrokraftstoff\u00adfabrik im brandenburgischen Schwedt. Ein Arbeiter schlie\u00dft ein Rohr an einen der 20 Kesselwagen. Dann saugt eine Pumpe das Raps\u00f6l in 15 Meter hohe Edelstahltanks. Man k\u00f6nnte mit dem \u00d6l Margarine herstellen, braten oder Salate anmachen. 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