{"id":12484,"date":"2011-01-04T00:00:00","date_gmt":"2011-01-03T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20110104-01n"},"modified":"2011-01-04T00:00:00","modified_gmt":"2011-01-03T22:00:00","slug":"chemische-industrie-konzerne-verzoegern-oel-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/chemische-industrie-konzerne-verzoegern-oel-alternativen\/","title":{"rendered":"Chemische Industrie &#8211; Konzerne verz\u00f6gern \u00d6l-Alternativen"},"content":{"rendered":"<p><b>Die chemische Industrie h\u00e4ngt am Tropf der Erd\u00f6lproduzenten. Viele Chemische Rohstoffe basieren zu 90 Prozent auf dem fossilen Rohstoff. Alternativen zum Erd\u00f6l gibt es l\u00e4ngst. Doch die Konzerne haben Gr\u00fcnde, warum sie diese bisher nur sparsam einsetzen.<\/b><\/p>\n<p>Seit dem 1. Dezember ist es amtlich: Der Chemie-Konzern BASF darf das Spezialchemieunternehmen Cognis kaufen. Durch die von langer Hand geplante \u00dcbernahme macht sich BASF Chart zeigen nicht nur unabh\u00e4ngiger vom konjunkturanf\u00e4lligen Basischemiegesch\u00e4ft &#8211; sondern auch vom langsam zur Neige gehenden Chemierohstoff Erd\u00f6l.<\/p>\n<p>Cognis-Vorstand Antonio Trius hatte das Unternehmen zuvor konsequent auf das margentr\u00e4chtige Gesch\u00e4ft mit Vorprodukten f\u00fcr die Konsumg\u00fcterindustrie ausgerichtet. Und dabei auf nachwachsende Rohstoffe statt auf Erd\u00f6l als Produktionsbasis gesetzt. Solche gr\u00fcne Cognis-Chemikalien stecken zum Beispiel in Wasch- und Reinigungsmitteln, in Nahrungserg\u00e4nzungsmitteln, Arzneimitteln, Farben und Kosmetika. &#8220;Insbesondere unser Fokus auf Sustainability und unsere Expertise bei Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen haben sich als Erfolgsfaktoren bew\u00e4hrt&#8221;, sagte Trius zur geplanten \u00dcbernahme. Und Analysten loben, dass das BASF-Management durch die \u00dcbernahme sein bislang weitgehend erd\u00f6lbasiertes Produktportfolio um Know-How zur Produktion alternativer Chemie-Rohstoffe erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Das ist zweifellos ein kluger Schachzug. Denn etwa 10 Prozent des weltweiten Erd\u00f6lverbrauchs flie\u00dfen heute in die chemische Industrie. Ohne \u00d6l w\u00fcrden die Produktionsanlagen der Chemieriesen nach derzeitigem Stand der Technik stillstehen. Herzst\u00fcck der Industrie sind sogenannte &#8220;Steam-Cracker&#8221;, die das Erd\u00f6l in chemische Grundstoffe aufspalten. Allein am BASF-Standort Ludwigshafen stehen drei dieser riesigen Erd\u00f6l-Spalter. Sie liefern Kohlenstoff-Verbindungen, die als Basis f\u00fcr 90 Prozent aller chemischen Produkte dienen.<\/p>\n<p>Ohne Erd\u00f6l w\u00fcrden Basischemikalien f\u00fcr Konsumg\u00fcter wie Kosmetika und Waschmittel fehlen, ebenso die von vielen Industrie-Branchen ben\u00f6tigten Kunst- und Klebstoffe, D\u00fcngemittel, Farben, Lacke und Schmierstoffe. Erd\u00f6l wird allerdings stetig knapper &#8211; und teurer. Ebenso wie Automobilkonzerne und Energieversorger arbeiten Chemie-Unternehmen und ihre Kunden daher daran, in den verschiedensten Industriebranchen unabh\u00e4ngiger davon zu werden. Handfeste Alternativen bietet derzeit vor allem die industrielle Biotechnologie: Biokunststoff aus Maisst\u00e4rke, aus Zucker oder Milchs\u00e4ure und Lacke aus Raps sind inzwischen ebenso gebr\u00e4uchlich wie Bioreaktoren, in denen Bakterien Feinchemikalien aus Krabbenschalen oder Holz herstellen.<\/p>\n<p><b>Weltmarkt f\u00fcr Biochemikalien schon 77 Milliarden Dollar gro\u00df<\/b><br \/>Politiker sind begeistert und rufen bereits die Biomasse-Revolution aus: So will die Bundesregierung bis 2020 auf eine &#8220;biobased economy&#8221; zusteuern, die Europ\u00e4ische Union (EU) hat nachwachsende Rohstoffe f\u00fcr Industrieanwendungen zum F\u00f6rderschwerpunkt erkl\u00e4rt. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little sch\u00e4tzt den Weltmarkt f\u00fcr Biochemikalien heute auf 77 Milliarden US-Dollar. Das entspr\u00e4che erst etwa 4 Prozent des Gesamtmarktes. Bis 2025 k\u00f6nne der Marktanteil aber auf bis zu 17 Prozent steigen, prognostizieren die Branchenexperten. Damit w\u00e4ren die Unternehmen auf einem guten Weg, langfristig das zur Neige gehende Erd\u00f6l zu ersetzen.<\/p>\n<p>Die hiesige Industrie reagiert auf dieses Potential bislang allerdings verhalten. Von Euphorie ist wenig zu sp\u00fcren. &#8220;Nat\u00fcrlich forscht die Industrie an vielen Fronten zu dem Thema&#8221;, sagt Sebastian Kreth vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). &#8220;In der Politik existieren aber manchmal falsche Vorstellungen davon, was die Umsetzung von Forschungserfolgen im industriellen Ma\u00dfstab angeht.&#8221; Sprich: Die Technologien sind da. Aber nur die wenigsten wirtschaftlich nutzbar. Wie komplex die Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe in der Produktion ist, zeigt das Beispiel des Konsumg\u00fcterkonzerns Henkel.<\/p>\n<p>Der Konzern bietet bereits mehrere komplett erd\u00f6lfreie Waschmittel und Kosmetika an: Zurzeit wird etwa das &#8220;gr\u00fcne&#8221; Waschmittel Terra massiv beworben. &#8220;In der Kosmetik- und Waschmittelindustrie werden ja schon traditionell viele nat\u00fcrliche Inhaltsstoffe eingesetzt&#8221;, kommentiert Brian Balmer, Experte f\u00fcr die Chemie-Industrie bei der Unternehmensberatung Frost &#038; Sullivan solche Neuerungen: &#8220;In diesen Branchen ist daher auch die Umstellung der Produktionsprozesse auf Biochemikalien relativ leicht zu bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Die Produktentwickler stehen dennoch vor einem Problem: Auch nachwachsende Rohstoffe sind nicht unbegrenzt verf\u00fcgbar. &#8220;Wenn die Industrie pl\u00f6tzlich gro\u00dfe Mengen Raps, Zucker, Palm\u00f6le oder andere Biomasse-Grundstoffe nachfragt, kommt sie in Konkurrenz zur Lebensmittelindustrie und verursacht neue \u00f6kologische Probleme&#8221;, sagt Balmer. So auch beim Henkel-Waschmittel Terra: Als Ersatz f\u00fcr Erd\u00f6l kommt hier Palm\u00f6l zum Einsatz &#8211; jener Rohstoff, der dem Nahrungsmittelkonzern Nestl\u00e9 gerade \u00f6ffentlichkeitswirksame Proteste von Umweltschutzorganisationen beschert hat: gegen die ebenfalls mit Palm\u00f6l produzierten Kitkat-Riegel. Denn f\u00fcr Palm\u00f6lplantagen werden regelm\u00e4\u00dfig Regenwaldfl\u00e4chen abgeholzt. Henkel steuerte gegen mit der Ank\u00fcndigung, Nachhaltigkeits-Zertifikate f\u00fcr die Produktion zu kaufen. Das Hauptproblem ist damit aber nicht gel\u00f6st.<\/p>\n<p><b>2. Teil: Klebstoffe ohne Erd\u00f6l<\/b><br \/>&#8220;Noch steht Biomasse nicht in ausreichender Menge und Qualit\u00e4t f\u00fcr die industrielle Produktion zur Verf\u00fcgung&#8221;, sagt Berater Balmer. Wenn es um die Produktion von Hightech-Werkstoffen f\u00fcr die Industrie geht, m\u00fcssen die Unternehmen noch weitere Schwierigkeiten \u00fcberwinden &#8211; und die sind technischer Art. Ram\u00f3n Bacardit, Entwicklungs-Chef der Henkel-Klebstoffsparte, arbeitet zum Beispiel bereits seit mehreren Jahren an Klebstoffen, die ohne Erd\u00f6l auskommen sollen.<\/p>\n<p>Die bisherigen Erfolge sind mager: &#8220;Den qualitativen Sprung, den wir in der Klebstofftechnik in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, verdanken wir erd\u00f6lbasierten Produkten&#8221;, gibt Bacardit zu: &#8220;Biobasierte Grundstoffe k\u00f6nnen diese Qualit\u00e4t bisher in vielen Feldern noch nicht bieten.&#8221; So sei es zwar unproblematisch, einen Haushaltskleber aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen. &#8220;Wenn wir aber Klebstoffe produzieren, mit denen riesige Rotoren f\u00fcr Windkraftanlagen oder Flugzeugfl\u00fcgel geklebt werden, gibt es auf absehbare Zeit keinen qualitativ gleichwertigen Ersatzstoff, der ganz ohne erd\u00f6lbasierte Materialien auskommt&#8221;, sagt Bacardit. Denn die chemischen Strukturen sind wesentlich komplexer als diejenigen von Erd\u00f6l. Es w\u00e4re weitaus schwieriger und teurer, gro\u00dfe Mengen in gleichbleibender Qualit\u00e4t ohne \u00d6l zu produzieren.<\/p>\n<p>Viele Industrieunternehmen bem\u00e4ngeln au\u00dferdem, dass neuartige Bio-Chemikalien noch nicht kompatibel mit ihren Produktionsprozessen seien. Sie lassen sich also nicht genauso mischen, erhitzen und formen wie konventionelle Ware.<\/p>\n<p>Walter Tr\u00f6sch, der am Fraunhofer-Institut f\u00fcr Bioverfahrenstechnik in Stuttgart ein Verfahren zur Herstellung von Biochemikalien aus Stroh, Holz und Krabbenschalen entwickelt, regt sich \u00fcber derlei Einw\u00e4nde der Industrie auf. Vieles sei bereits technisch umsetzbar, f\u00fcr die Unternehmen aber schlicht noch nicht wirtschaftlich im Vergleich zu den etablierten Erd\u00f6l-Produkten. Das liege aber auch daran, dass sich in der Produktion wenig getan habe: &#8220;Die Produktionsprozesse der Industrie sind seit mehr als f\u00fcnfzig Jahren auf erd\u00f6lbasierte Rohstoffe ausgelegt&#8221;, sagt Tr\u00f6sch: &#8220;Nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie angepasst werden, wenn nun neue Basismaterialien wirtschaftlich und effizient eingesetzt werden sollen.&#8221;<\/p>\n<p><b>Bestehende Anlagen nahezu wertlos<\/b><br \/>Die Industrie k\u00f6nne also nicht einfach nur darauf warten, dass die Forschung passgenaue Ersatzstoffe f\u00fcr ihre Produktionsprozesse anbiete. Auch Deutsche Bank-Analyst Oliver Rakau identifiziert Vorbehalte der Industrie als einen der gr\u00f6\u00dften Bremskl\u00f6tze f\u00fcr eine baldige Umstellung auf Biochemikalien. &#8220;Biotechnische Anlagen unterscheiden sich deutlich von herk\u00f6mmlichen Anlagen, die fossile Rohstoffe verarbeiten&#8221;, sagt Rakau. Beim Umstieg m\u00fcssten Unternehmen daher nicht nur neue Anlagen kaufen. Auch w\u00fcrden die bestehenden Anlagen quasi wertlos. &#8220;Das hei\u00dft, selbst wenn ein konkurrenzf\u00e4higer biotechnischer Prozess entwickelt wird, kann es f\u00fcr die Unternehmen Sinn ergeben, nicht oder zumindest verz\u00f6gert umzustellen&#8221;, konstatiert der Branchen-Beobachter.<\/p>\n<p>Deshalb wird in vielen Konzernen und auch bei manch innovativem Mittelst\u00e4ndler zwar viel zum Thema geforscht &#8211; letztlich wird die gro\u00dfe Revolution weg vom \u00d6l aber wohl weiter auf sich warten lassen. Deutsche-Bank-Analyst Rakau verspricht allenfalls eine Revolution auf Raten: &#8220;Im Ergebnis wird die technische Entwicklung zu einem stark auf Biomasse bauenden Chemiesektor f\u00fchren, der dennoch weiter auf Erd\u00f6l angewiesen ist.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Die chemische Industrie h&auml;ngt am Tropf der Erd&ouml;lproduzenten. Viele Chemische Rohstoffe basieren zu 90 Prozent auf dem fossilen Rohstoff. 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