{"id":12313,"date":"2010-11-20T00:00:00","date_gmt":"2010-11-19T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20101130-01n"},"modified":"2010-11-20T00:00:00","modified_gmt":"2010-11-19T22:00:00","slug":"tecnaro-gmbh-erfinder-des-jahres-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/tecnaro-gmbh-erfinder-des-jahres-2010\/","title":{"rendered":"Tecnaro GmbH: &#8220;Erfinder des Jahres 2010&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><b>Blockfl\u00f6ten, Abs\u00e4tze f\u00fcr Highheels, Lautsprecher \u2013 Arboform, der Biokunststoff aus Fl\u00fcssigholz ist vielseitig einsetzbar. Daf\u00fcr zeichnete das Europ\u00e4ische Patentamt J\u00fcrgen Pfitzer und Helmut N\u00e4gele als &#8220;Erfinder des Jahres 2010&#8221; aus. Ein Doppelportr\u00e4t.<\/b><\/p>\n<p>Die Luft in der Werkhalle der Tecnaro GmbH ist staubig. An der gro\u00dfen Maschine werden S\u00e4cke mit Granulat bef\u00fcllt, cremewei\u00df, sandfarben, beige. Arboform oder Fl\u00fcssigholz hei\u00dft der Biokunststoff, der hier in Ilsfeld-Auenstein in der N\u00e4he von Stuttgart entsteht. Die beiden Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer J\u00fcrgen Pfitzer und Helmut N\u00e4gele stehen in der Halle und lassen das Granulat pr\u00fcfend durch die H\u00e4nde rieseln. Der Name ihres 1998 gegr\u00fcndeten Unternehmens steht f\u00fcr Technologie nachwachsender Rohstoffe.<\/p>\n<p>Das Thema besch\u00e4ftigt die beiden Ingenieure schon l\u00e4nger. 1996, angetrieben von der Frage &#8220;Was k\u00f6nnte unser Beitrag zur CO<sub>2<\/sub>-Einsparung sein?&#8221;, begannen Pfitzer und N\u00e4gele, damals noch am Fraunhofer-Institut f\u00fcr Chemische Technologie (ICT), nachwachsende Rohstoffe zu suchen, um die synthetischen, aus Erd\u00f6l produzierten Kunststoffe zu ersetzen. F\u00fcndig wurden sie bei einem Abfallprodukt der Papierindustrie, dem Lignin. 14 Jahre sp\u00e4ter zeichnete sie das Europ\u00e4ische Patentamt f\u00fcr ihr Fl\u00fcssigholz als &#8220;Erfinder des Jahres 2010&#8221; aus.<\/p>\n<p>&#8220;Mit Lignin kann man alles machen, was auch mit aus Erd\u00f6l produzierten Kunststoffen m\u00f6glich ist&#8221;, erkl\u00e4rt J\u00fcrgen Pfitzer. In Verbindung mit Naturfasern wie Harz und Flachs kann es beliebig geformt und in Spritzgussmaschinen verwendet werden. Der gro\u00dfe Vorteil des Fl\u00fcssigholzes ist, dass es vollst\u00e4ndig kompostierbar ist. Hinzu kommt, dass Lignin beinahe grenzenlos zur Verf\u00fcgung steht. Es kommt in jeder Pflanze vor und ist neben der Zellulose der h\u00e4ufigste organische Stoff der Erde. Allein bei der Papierherstellung bleiben j\u00e4hrlich weltweit 60 Millionen Tonnen \u00fcbrig.<\/p>\n<p>An Lignin wird bereits seit \u00fcber hundert Jahren geforscht. Umso \u00fcberraschter waren Pfitzer und N\u00e4gele, dass niemand vor ihnen das thermoplastische Potenzial des Werkstoffs erkannt hatte. Nachdem sie ihre Tests abgeschlossen hatten, schrieben sie ihre Erkenntnisse nieder, gem\u00fctlich bei Grillfleisch und Bier. Am n\u00e4chsten Tag meldeten sie 15 Patente an.<\/p>\n<p>Doch so einfach sollte es f\u00fcr die beiden Jungunternehmer nicht weitergehen. In den ersten sechs Monaten nach der Gr\u00fcndung machte Tecnaro nicht einen Euro Umsatz. Das Unternehmen war 1998 eines der ersten Spin-offs, das aus dem ICT ausgegr\u00fcndet wurde. R\u00fcckblickend sagen N\u00e4gele und Pfitzer \u00fcber ihre Firmengr\u00fcndung: &#8220;So etwas kann man nur machen, wenn man nicht wei\u00df, was vor einem liegt.&#8221; Sie mussten viele Widerst\u00e4nde \u00fcberwinden. Um die Kompostierbarkeit belegen zu k\u00f6nnen, wurde ihr Fl\u00fcssigholz vier Jahre in einem Labor in Spezialerde vergraben. Umweltsch\u00fctzer warfen ihnen vor, dass f\u00fcr die Ligningewinnung B\u00e4ume gef\u00e4llt werden m\u00fcssten. Pfitzer und N\u00e4gele regt dieses &#8220;falsche und vorschnelle Urteil&#8221; immer noch auf: Die Ligninquellen seien zahlreich und vielf\u00e4ltig, Rinde, Getreidestroh, S\u00e4gemehl.<\/p>\n<p>Eine Karriere als Unternehmer hatten urspr\u00fcnglich weder N\u00e4gele noch Pfitzer geplant. Dabei hatte N\u00e4geles Mutter ihrem Sohn schon fr\u00fch prophezeit, dass er mal etwas produzieren werde, weil er schon als Kind in seinem Zimmer Zinnfiguren in Hunderterserien goss. Sp\u00e4ter studierte er Chemieingenieurwesen an der Technischen Hochschule in Karlsruhe und wechselte 1996 zum ICT. Pfitzer, ausgebildeter Mechaniker und studierter Maschinenbautechniker aus Ellwangen, war in der Kunstofftechnik und im Holzbau t\u00e4tig, bevor auch er 1996 zum ICT kam.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnen sie \u00fcber die Anfangsjahre schmunzeln, in denen es nur langsam voranging. 2001 lag der Umsatz bei 40.000 Euro, &#8220;mit Bratw\u00fcrstchen h\u00e4tten wir mehr verdient&#8221;, sagt Pfitzer. Aktuelle Zahlen verraten sie nicht, nur so viel: Zwischen 2005 und 2009 verf\u00fcnffachte sich der Umsatz, 2010 verdoppelte er sich und liegt im siebenstelligen Bereich.<\/p>\n<p>Ihre Werkstoffe verkaufen sie mittlerweile nach Neuseeland, Brasilien, in die USA, in Europa von Spanien bis Skandinavien. Die wenigen Mitbewerber, die Tecnaro heute hat, bezeichnen die beiden Chefs eher als Mitstreiter: &#8220;Bei uns geht es gemeinsam gegen Erd\u00f6l.&#8221;<\/p>\n<p>Aus den Gesch\u00e4ftspartnern Pfitzer und N\u00e4gele sind Freunde geworden, im Gespr\u00e4ch erg\u00e4nzen sie einander, ohne sich ins Wort zu fallen. In ihrer Arbeit sind sie von spielerischer Entdeckungsfreude. Fast t\u00e4glich stehen sie in ihrer Werkhalle, f\u00fcllen Granulat ab und entwickeln neues mit ihren 15 Angestellten: &#8220;Wir stehen genauso im Staub wie die anderen.&#8221;<\/p>\n<p>Sie sind nach wie vor begeistert von der Vielseitigkeit ihres Produkts. Im Konferenzraum unter dem Dach der Tecnaro-Zentrale lagern Krippenfiguren, Gugelhupfformen, Lautsprecher, Sonnenbrillen, Zahnputzbecher und Seifenschalen, Shampooflaschen, Blockfl\u00f6ten und Bodenplatten \u2013 alles aus Arboform. Das erste Serienprodukt war die Armbanduhr &#8220;Woodwatch&#8221;, die skurrilsten sind S\u00e4rge f\u00fcr Kleintiere und Abs\u00e4tze an Highheels von Gucci. Auch die Autoindustrie geh\u00f6rt zu ihren Kunden. Audi, Porsche oder Mercedes nutzen Arboform als Tr\u00e4germaterial f\u00fcr teure Holzfurniere oder als pr\u00e4zise 3-D-Schablonen f\u00fcr die K\u00fchlkan\u00e4le der Bremsen. Der Kern aus Fl\u00fcssigholz wird aus den fertigen Bremsen herausgebrannt, die Kan\u00e4le bleiben.<\/p>\n<p>Auch preislich kann das Fl\u00fcssigholz mithalten. Mit 2,50 Euro pro Kilo ist es zwar etwas teurer als Massen-, aber g\u00fcnstiger als hochwertiger Kunststoff. Das ist Pfitzer und N\u00e4gele wichtig, denn auch wenn sie sich \u00fcber die Auszeichnung zum Erfinder des Jahres gefreut haben, die entscheidende W\u00e4hrung f\u00fcr die beiden ist die Serieneignung: &#8220;Was nicht in den Markt geht, ist wertlos.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Blockfl&ouml;ten, Abs&auml;tze f&uuml;r Highheels, Lautsprecher &ndash; Arboform, der Biokunststoff aus Fl&uuml;ssigholz ist vielseitig einsetzbar. 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