{"id":121826,"date":"2023-02-01T07:32:00","date_gmt":"2023-02-01T06:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=121826"},"modified":"2023-01-30T10:20:39","modified_gmt":"2023-01-30T09:20:39","slug":"warum-der-ns-staat-auf-einen-biokunststoff-baute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/warum-der-ns-staat-auf-einen-biokunststoff-baute\/","title":{"rendered":"Warum der NS-Staat auf einen Biokunststoff baute"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Eines der \u00e4ltesten industriell hergestellten&nbsp;Biopolymere ist&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-de\/einleitung\/23736528\">Vulkanfiber<\/a>. Seit \u00fcber hundert Jahren produzieren deutsche Unternehmen den Kunststoff, der ausschlie\u00dflich aus&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-en\/cellulose-derivatives\/15459994\">Cellulose<\/a>&nbsp;besteht und vollst\u00e4ndig biologisch abbaubar ist. Er ist leicht und zugleich mechanisch hoch belastbar. Aus heutiger Perspektive ist Vulkanfiber ein Nischenwerkstoff: Als flexibles Tr\u00e4germaterial f\u00fcr&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-de\/aufbau-und-zusammensetzung-von-schleifwerkzeugen\/16287136\">Schleifscheiben<\/a>&nbsp;findet er seine Hauptanwendung; auch Dichtungsringe und Stanzteile f\u00fcr den Maschinenbau und die Elektroindustrie finden sich hier und da. Vor diesem Hintergrund mag es verwundern, welche volkswirtschaftliche Bedeutung dem Werkstoff dereinst beigemessen wurde.<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/die-vulkanfiber-als-ersatzstoff-im-ns-system\/23736534\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15.png\" alt=\"Im Rahmen von Werkstoffschauen sollten Bev\u00f6lkerung und Handwerk auf den Gebrauch neuer Kunststoffe vorbereitet werden\" class=\"wp-image-121859\" width=\"782\" height=\"684\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15.png 842w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15-300x262.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15-150x131.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15-768x671.png 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-30-um-10.19.15-309x270.png 309w\" sizes=\"auto, (max-width: 782px) 100vw, 782px\" \/><figcaption>Im Rahmen von Werkstoffschauen sollten Bev\u00f6lkerung und Handwerk auf den Gebrauch neuer Kunststoffe vorbereitet werden<br>Simon Gro\u00dfe-Wilde | Maiwald, E. W., und Richard W. Geutebr\u00fcck<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eEines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Merkmale des NS-Staates war zweifellos die starke Abschottung der deutschen Volkswirtschaft gegen\u00fcber dem Ausland [\u2026]. Erg\u00e4nzt wurde diese Politik durch den Versuch, die deutsche Wirtschaft hinsichtlich ihrer Rohstoff- und G\u00fcterversorgung weitgehend autark zu machen [\u2026].\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"226\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/978-3-662-65602-0.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-121845\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/978-3-662-65602-0.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/978-3-662-65602-0-100x150.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption>Empfehlung der Redaktion: 2022 | OriginalPaper | Buchkapitel <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/die-vulkanfiber-als-ersatzstoff-im-ns-system\/23736534\">Die Vulkanfiber als \u201eErsatzstoff\u201c im NS-System<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs bot die Vulkanfiber Anlass zur Industriespionage, der Abbruch der Handelsbeziehungen zu den USA im Ersten Weltkrieg initiierte schlie\u00dflich den Aufbau einer heimischen Vulkanfiberproduktion, im nationalsozialistischen Deutschland sollte Vulkanfiber die Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Rohstoffimporten mindern, bevor BRD und DDR mit ihren unterschiedlichen Wirtschaftssystemen jeweils eigene Entwicklungspfade f\u00fcr den Werkstoff einschlugen. In seinem Buch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-de\/werkstoff-zwischen-den-systemen-eine-stoffgeschichte-der-vulkanf\/23736526\">Werkstoff zwischen den Systemen \u2013 Eine Stoffgeschichte der Vulkanfiber im 19. und 20. Jahrhundert<\/a>&nbsp;gibt der Historiker Simon Gro\u00dfe-Wilde einen umfassenden Einblick in die Entwicklung und die Rolle des Werkstoffs, der vor dem Hintergrund unsteter politischer, \u00f6konomischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen immer wieder aufs Neue angepasst wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h2--deutsche-heimstoffe--sollten-\">&#8220;Deutsche Heimstoffe&#8221; sollten positives Image erhalten<\/h3>\n\n\n\n<p>In einem eigenen Kapitel widmet sich der Autor dabei der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-de\/die-vulkanfiber-als-ersatzstoff-im-ns-system\/23736534\">Vulkanfiber als &#8220;Ersatzstoff&#8221; im NS-System<\/a>. Als Vorbereitung auf den Kriegsfall verf\u00fcgten die Nationalsozialisten bereits 1934 mit dem zweiten &#8220;Vierjahresplans&#8221;, dass die Wehrmacht binnen vier Jahren &#8220;einsatzbereit&#8221; und die deutsche Wirtschaft &#8220;kriegsf\u00e4hig&#8221;&nbsp;sein m\u00fcsse. Allerdings war das&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/springerprofessional-de\/hightech-ressourcen\/23775340\">rohstoffarme Deutschland<\/a>&nbsp;weiterhin auf den Import von Materialien wie Kupfer, Zinn, Messing oder Bronze angewiesen. Im Rahmen der sogenannten Ersatzstoffwirtschaft sollte deswegen ein m\u00f6glichst gro\u00dfer Teil dieser sogenannten Sparstoffe durch Roh- und Werkstoffe &#8220;deutschen Ursprungs&#8221; ersetzt werden. Angesichts j\u00fcngster Erfolge in der synthetischen Fabrikation von Roh- und Werkstoffen gerieten dabei Kunststoffe verst\u00e4rkt in den Fokus der NS-Wirtschaftspolitik.<\/p>\n\n\n\n<p>Entwicklung und Produktion entsprechender Werkstoffe wurde gef\u00f6rdert, w\u00e4hrend die NS-Propaganda der Bev\u00f6lkerung ein positives Image von den &#8220;deutschen Heimstoffen&#8221; zu vermitteln versuchte, wie Gro\u00dfe-Wilde schreibt. In wissenschaftlichen Fachzeitschriften wurden die Vorz\u00fcge und Vorteile &#8220;deutscher Kunststoffe&#8221; breit propagiert; Werkstoffschauen wurden einerseits als Leistungsschau der deutschen Industrie aufgezogen, w\u00e4hrend Besucher andererseits \u00fcber den richtigen Umgang mit den neuen Werkstoffen und Produkten belehrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h2-vulkanfiber-war-h-herwertiger-\">Vulkanfiber war h\u00f6herwertiger als andere Kunststoffe<\/h3>\n\n\n\n<p>Durch die fr\u00fchzeitige&nbsp;Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf den Gebrauch neuer Werkstoffe sollten schlechten Erfahrungen mit Ersatzstoffen wie zur Zeit des Ersten Weltkriegs unbedingt vermieden werden. Damals wurden pl\u00f6tzlich ausbleibende Materialimporte mit minderwertigen Ersatzstoffe kompensiert, weswegen der Begriff Ersatzstoff seither negativ konnotiert war. Mit verschiedenen Hinweisen und Vorschriften wollte der NS-Staat nun sicherstellen, dass die Qualit\u00e4t eines Produkts durch den ausgetauschten Werkstoffe nicht vermindert, sondern im besten Fall verbessert wird. Zugleich wurden Konstrukteure ermuntert, anstelle von bekannten Baustoffen wie Eisen oder Stahl neue Werkstoffe zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vulkanfiber fiel in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle zu. Die Industrie hatte bereits Erfahrung mit dem Kunststoff und vielen Deutschen war die Vulkanfiber bereits bekannt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kunststoffen hing ihr laut Gro\u00dfe-Wilde nicht mehr der Makel eines minderwertigen Ersatzstoffs oder eines &#8220;Kind des Krieges&#8221; an.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h2-statt-baumwolle-soll-holz-als-\">Statt Baumwolle soll Holz als Rohstoff dienen<\/h3>\n\n\n\n<p>Was der Bev\u00f6lkerung allerdings als veredelter &#8220;deutscher Kunststoff&#8221; aus &#8220;deutschem Holz&#8221; pr\u00e4sentiert wurde, stellte die Industrie vor Herausforderungen. Als Rohstoff nutzte sie bislang n\u00e4mlich nicht Holz, sondern Baumwolllumpen. Die Vulkanfiberindustrie musste nicht nur ihre Rohstoffversorgung umstellen und dabei ihre Produktionskapazit\u00e4t deutlich ausweiten, sondern sie musste auch damit umgehen, dass zu diesem Zeitpunkt kein gesichertes Wissen dar\u00fcber vorlag, ob Cellulose aus Holz und Baumwolle \u00fcberhaupt \u00fcber die gleichen Eigenschaften verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich gelang der Umstieg auf Baumzellulose aber innerhalb k\u00fcrzester Zeit, ma\u00dfgeblich unterst\u00fctzt durch wissenschaftliche Fortschritte in der Cellulose- und der Kunststoffchemie. Innerhalb von vier Jahren steigerten die deutschen Vulkanfiberhersteller ihre Produktion um mehr als das Dreifache, ebenfalls stiegen Ums\u00e4tze und Gewinne.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h2-hersteller-setzten-zwangsarbei\">Hersteller setzten Zwangsarbeiter ein<\/h3>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich sollte die Vulkanfiber helfen, die Verf\u00fcgbarkeit knapper Materialien f\u00fcr die R\u00fcstungsindustrie zu strecken. Mit der Zeit wurde die R\u00fcstungsindustrie aber selbst zum gr\u00f6\u00dften Abnehmer f\u00fcr Vulkanfiber. Produktionsanfragen von ziviler Seite wurden seitens der Hersteller teilweise zur\u00fcckgewiesen. Als wichtigste Anwendung f\u00fcr Vulkanfiber entwickelten sich dabei Treibstofftanks f\u00fcr die Luftwaffe. Daneben kam Vulkanfiber unter anderem als Leichtbauwerkstoff in Fahrzeugen oder als Werkstoff f\u00fcr Patronenh\u00fclsen oder Helme zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon, dass die Vulkanfiberhersteller sich damit zunehmend in den Dienst eines verbrecherischen Staats stellten, zeigte der \u00f6konomische Erfolg noch eine weitere menschenverachtende Facette: Um die Produktion auch nach Kriegsbeginn noch weiter zu steigern, wurden zum Kriegsdienst einberufenen Mitarbeiter in den Vulkanfiberfabriken Martin Schmid, DAG und der Monitwerke GmbH in unterschiedlichem Ausma\u00df durch Zwangsarbeiter ersetzt. Wie hoch die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeit genau war, l\u00e4sst sich laut Gro\u00dfe-Wilde aufgrund der fragmentarischen Quellen\u00fcberlieferung allerdings schwer absch\u00e4tzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der \u00e4ltesten industriell hergestellten&nbsp;Biopolymere ist&nbsp;Vulkanfiber. Seit \u00fcber hundert Jahren produzieren deutsche Unternehmen den Kunststoff, der ausschlie\u00dflich aus&nbsp;Cellulose&nbsp;besteht und vollst\u00e4ndig biologisch abbaubar ist. Er ist leicht und zugleich mechanisch hoch belastbar. 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