{"id":121274,"date":"2023-01-23T07:35:00","date_gmt":"2023-01-23T06:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=121274"},"modified":"2023-01-20T10:55:40","modified_gmt":"2023-01-20T09:55:40","slug":"von-der-strase-auf-den-teller-salat-nimmt-giftige-zusatzstoffe-aus-reifenabrieb-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/von-der-strase-auf-den-teller-salat-nimmt-giftige-zusatzstoffe-aus-reifenabrieb-auf\/","title":{"rendered":"Von der Stra\u00dfe auf den Teller: Salat nimmt giftige Zusatzstoffe aus Reifenabrieb auf"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476.jpg\" alt=\"Abb. 1: Salatpflanzen nehmen Chemikalien auf, die von Reifenabrieb abgegeben werden: Das Bild zeigt den Experimentaufbau, bei dem die Forscher*innen den N\u00e4hrl\u00f6sungen von Salatpflanzen Reifenabrieb zusetzten.  \" class=\"wp-image-121291\" width=\"613\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476.jpg 817w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476-300x171.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476-150x86.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476-768x439.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/44c899c476-400x229.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/><figcaption>Abb. 1: Salatpflanzen nehmen Chemikalien auf, die von Reifenabrieb abgegeben werden: Das Bild zeigt den Experimentaufbau, bei dem die Forscher*innen den N\u00e4hrl\u00f6sungen von Salatpflanzen Reifenabrieb zusetzten. Foto \u00a9 Gabriel Sigmund<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wind, Kl\u00e4rschlamm und gereinigtes Abwasser tragen Reifenabriebpartikel von den Stra\u00dfen auf Ackerfl\u00e4chen. Eine neue Laborstudie zeigt: Die in den Partikeln enthaltenen Schadstoffe k\u00f6nnten in das dort angebaute Gem\u00fcse gelangen. Forscher*innen des Zentrums f\u00fcr Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft der Universit\u00e4t Wien haben untersucht, ob aus Reifen freigesetzte Chemikalien in Salatpflanzen gelangen und letztlich auf unseren Tellern landen k\u00f6nnten. Ihre Analysen ergaben: Der Salat nahm alle untersuchten chemischen Verbindungen \u2013 einige davon hochgiftig \u2013 auf. Weitere Untersuchungen sollen zeigen, wie dieser Prozess konkret in Ackerb\u00f6den abl\u00e4uft. Die Studie ist nun in der internationalen Fachzeitschrift Environmental Science &amp; Technology erschienen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Autofahren erzeugt Reifenabrieb, der mit dem Wind in die Umwelt geweht und vom Regen in Fl\u00fcsse und Abw\u00e4sser geschwemmt wird \u2013 insgesamt etwa 1 kg pro Einwohner*in und Jahr. \u00dcber die Atmosph\u00e4re, Abwasser und mit dem Kl\u00e4rschlamm, der in der Landwirtschaft als D\u00fcngemittel eingesetzt wird, k\u00f6nnen die Reifenpartikel auf Ackerb\u00f6den gelangen. Dort k\u00f6nnen potenziell sch\u00e4dliche Chemikalien aus dem Reifen in die Umwelt wandern. Reifenabriebpartikel und andere Arten von Mikroplastik enthalten Zusatzstoffe, so genannte Additive, die f\u00fcr bestimmte Eigenschaften, wie Fahreigenschaften und die Haltbarkeit sorgen. In B\u00f6den geben die kleinen Kunststoff- oder Reifenpartikel ihre Schadstoffe meist in oberen Bodenschichten frei \u2013 das haben fr\u00fchere Untersuchungen des Forschungsteams um Umweltgeowissenschafter Thilo Hofmann von der Universit\u00e4t Wien ermittelt. In ihrer aktuellen Studie beleuchten die Forscher*innen, ob die Schadstoffe von dort in Nutzpflanzen wandern k\u00f6nnten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Salatpflanzen nehmen giftige Verbindungen fortw\u00e4hrend aus Reifenabriebpartikeln auf<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Reifenabriebpartikel enthalten eine Reihe von organischen Chemikalien, von denen einige hochgiftig sind&#8221;, erz\u00e4hlt<strong> Anya Sherman<\/strong>, Doktorandin am Zentrum f\u00fcr Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft und Co-Erstautorin der aktuell ver\u00f6ffentlichten Studie. Thilo Hofmann, Leiter der Forschungsgruppe, erg\u00e4nzt: &#8220;Wenn diese Chemikalien in der Wurzelzone essbarer Pflanzen freigesetzt werden, k\u00f6nnen sie f\u00fcr die Verbraucher*innen gesundheitlich bedenklich sein \u2013 vorausgesetzt, die Chemikalien werden von den Pflanzen aufgenommen.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Genau dieser Frage widmete sich das Forschungsteam in mehreren Experimenten. Die Umweltgeowissenschafter*innen setzten den N\u00e4hrl\u00f6sungen von Salatpflanzen f\u00fcnf Chemikalien zu. Vier dieser Chemikalien \u2013 nicht alle davon wurden bereits als sch\u00e4dlich eingestuft \u2013 werden bei der Reifenherstellung verwendet. Die f\u00fcnfte in der Studie verwendete Chemikalie ist ein Umwandlungsprodukt einer dieser vier Chemikalien. Das 6PPD-Umwandlungsprodukt 6PPD-Chinon entsteht, wenn Reifen in Gebrauch sind. Es ist nachweislich giftig: Die Chemikalie wurde etwa mit dem Massensterben von Lachsen in den USA in Verbindung gebracht. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Unsere Messungen zeigten, dass die Salatpflanzen alle von uns untersuchten Verbindungen \u00fcber die Wurzeln aufnahmen, in die Salatbl\u00e4tter verlagerten und dort anreicherten&#8221;, erz\u00e4hlt Sherman. Dies zeigte sich auch, wenn die Salatpflanzen den Chemikalien nicht direkt, sondern indirekt \u00fcber das Reifengranulat ausgesetzt waren. &#8220;Die Salatpflanzen nehmen die potenziell sch\u00e4dlichen Chemikalien, die langfristig aus den Reifenabriebpartikeln freigesetzt werden, kontinuierlich auf&#8221;, berichtet<strong> Thilo Hofmann<\/strong>.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Salat erzeugt Stoffwechselprodukte mit bisher nicht absch\u00e4tzbarer Toxizit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-20-um-10.34.43-2.png\" alt=\"Abb. 2: In einem weiteren Schritt werden die Wiener Umweltgeowissenschafter*innen untersuchen, ob und wie Salatpflanzen die von Reifenabrieb abgebebenen Chemikalien in Bodensystemen aufnehmen. \" class=\"wp-image-121338\" width=\"553\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-20-um-10.34.43-2.png 644w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-20-um-10.34.43-2-300x171.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-20-um-10.34.43-2-150x85.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/01\/Bildschirmfoto-2023-01-20-um-10.34.43-2-400x228.png 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><figcaption>Abb. 2: In einem weiteren Schritt werden die Wiener Umweltgeowissenschafter*innen untersuchen, ob und wie Salatpflanzen die von Reifenabrieb abgebebenen Chemikalien in Bodensystemen aufnehmen. Foto \u00a9 Stephanie Castan &amp; Gabriel Sigmund<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Mittels hochaufl\u00f6sender Verfahren der Massenspektrometrie ma\u00dfen die Wiener Umweltgeowissenschafter*innen nicht nur, in welchem Umfang die zuvor definierten Chemikalien in den Salatpflanzen landeten. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie identifizierten auch die Stoffe, zu denen diese in der Salatpflanze verstoffwechselt wurden: &#8220;Die Pflanzen verarbeiteten die Stoffe und erzeugten dabei auch Verbindungen, die bisher nicht beschrieben wurden. Da wir die Toxizit\u00e4t dieser Stoffwechselprodukte nicht kennen, stellen sie eine nicht absch\u00e4tzbare Gesundheitsgefahr dar&#8221;, betont <strong>Thorsten H\u00fcffer<\/strong>, Senior Scientist am Zentrum f\u00fcr Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft. Die vom Forschungsteam identifizierten Stoffwechselprodukte seien in der Pflanze recht stabil. H\u00f6chstwahrscheinlich blieben sie daher bis auf den Essensteller erhalten. &#8220;Im menschlichen K\u00f6rper werden solche Verbindungen jedoch sehr leicht abgebaut. Wenn also jemand einen solchen kontaminierten Salat isst, k\u00f6nnten die urspr\u00fcnglichen Chemikalien im K\u00f6rper wieder freigesetzt werden,&#8221; erkl\u00e4rt <strong>Sherman<\/strong>.&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>N\u00e4chster Schritt: Analyse der Prozesse in Bodensystemen und Gew\u00e4ssern&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In weiteren Studien plant das Wiener Forschungsteam, den m\u00f6glichen Weg der Reifenabriebschadstoffe von der Stra\u00dfe bis auf den Teller besser nachzuzeichnen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Die von uns untersuchten Prozesse laufen in Bodensystemen vermutlich noch einmal anders ab. In einem n\u00e4chsten Schritt schauen wir uns daher die m\u00f6gliche Aufnahme der Reifenadditive durch Pflanzenwurzeln in nat\u00fcrlichen B\u00f6den an&#8221;, berichtet Co-Autorin <strong>Ruoting Peng<\/strong>, die in ihrem Dissertationsprojekt einer noch breiteren Palette von Additiven in der Umwelt nachsp\u00fcrt und sich dabei auf die Belastung von Gew\u00e4ssern konzentriert. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Um besser zu verstehen, wie solche Chemikalien in die Umwelt gelangen, generiert das Forschungsteam in einem laufenden Projekt in Zusammenarbeit mit dem CleanDanube-Projekt Daten \u00fcber die Konzentration dieser Chemikalien entlang der Donau.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mikroplastik in der Umwelt: Eine langfristige Schadstoffquelle<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Forschungsinteresse der Gruppe richtet sich dabei gleicherma\u00dfen auf die Mengen und Mechanismen der Freisetzung sowie das Langzeitverhalten der Schadstoffe. F\u00fcr eine k\u00fcrzlich ebenfalls in Environmental Science &amp; Technology ver\u00f6ffentlichte Studie analysierte das Team der Umweltgeowissenschaften, wie lange Mikroplastik Schadstoffe an die aquatische Umwelt abgibt. Dabei konzentrierten sie sich auf Phthalate \u2013 Zusatzstoffe, die vor allem bei der Herstellung von PVC verwendet werden, um f\u00fcr Flexibilit\u00e4t und Stabilit\u00e4t zu sorgen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Diese Weichmacher sind bereits \u00fcberall in der Umwelt nachgewiesen worden. Dennoch ist wenig dar\u00fcber bekannt, wie sie aus Mikroplastik freigesetzt werden und wie die Umweltbedingungen die Freisetzung beeinflussen k\u00f6nnen&#8221;, erkl\u00e4rt die Erstautorin der Studie, <strong>Charlotte Henkel<\/strong>. &#8220;Unsere Analysen haben gezeigt, dass das untersuchte PVC-Mikroplastik Phthalate \u00fcber mehr als 500 Jahre in aquatische Systeme \u2013 also zum Beispiel Fl\u00fcsse, Seen oder Grundwasser \u2013 abgeben kann.&#8221; In welchem Ausma\u00df dies geschieht, h\u00e4nge immer von den Umweltbedingungen ab. Dennoch, so <strong>Thilo Hofmann<\/strong>, zeige die Studie deutlich: &#8220;Ist Mikroplastik erst einmal in Gew\u00e4sser gelangt, bleibt es eine Quelle f\u00fcr potenziell umweltsch\u00e4dliche Stoffe \u2013 im Fall der Phthalate sogar f\u00fcr sehr lange Zeit.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Publikation in Environmental Science &amp; Technology<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><strong>&#8220;Uptake, metabolism and accumulation of tire wear particle-derived compounds in lettuce&#8221;, Stephanie Castan*, Anya Sherman*, Ruoting Peng, Michael Zumstein, Wolfgang Wanek, Thorsten H\u00fcffer, Thilo Hofmann; Environmental Science &amp; Technology (2023)<br>DOI:&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/pubs.acs.org\/doi\/10.1021\/acs.est.2c05660\" target=\"_blank\">https:\/\/pubs.acs.org\/doi\/10.1021\/acs.est.2c05660<\/a>&nbsp;<br>*These authors contributed equally.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Weitere Publikation in Environmental Science &amp; Technology<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><strong>&#8220;Polyvinyl Chloride Microplastics Leach Phthalates into the Aquatic Environment over Decades&#8221;, Charlotte Henkel, Thorsten H\u00fcffer, and Thilo Hofmann; Environmental Science &amp; Technology (2022) 56 (20), 14507-14516,&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/pubs.acs.org\/doi\/10.1021\/acs.est.2c05108\" target=\"_blank\">DOI: 10.1021\/acs.est.2c05108<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontakt<\/h3>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Thilo Hofmann<br>Zentrum f\u00fcr Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft<br>Universit\u00e4t Wien<br>Tel.: +43-1-4277-53320<br>E-Mail: <a>thilo.hofmann@univie.ac.at<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wind, Kl\u00e4rschlamm und gereinigtes Abwasser tragen Reifenabriebpartikel von den Stra\u00dfen auf Ackerfl\u00e4chen. 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