{"id":119591,"date":"2022-07-11T07:22:00","date_gmt":"2022-07-11T05:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=119591"},"modified":"2022-12-01T15:24:28","modified_gmt":"2022-12-01T14:24:28","slug":"eine-mogliche-abschaffung-von-biokraftstoffen-wurde-bis-zu-20-000-arbeitsplatze-in-deutschland-gefahrden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/eine-mogliche-abschaffung-von-biokraftstoffen-wurde-bis-zu-20-000-arbeitsplatze-in-deutschland-gefahrden\/","title":{"rendered":"&#8220;Eine m\u00f6gliche Abschaffung von Biokraftstoffen w\u00fcrde bis zu 20.000 Arbeitspl\u00e4tze in Deutschland gef\u00e4hrden&#8221;"},"content":{"rendered":"\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/12\/Jaana_Kleinschmit_von_Lengefeld_9.06.2022_72dpi.jpg\" alt=\"Jaana Kleinschmit von Lengefeld\" class=\"wp-image-119614\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/12\/Jaana_Kleinschmit_von_Lengefeld_9.06.2022_72dpi.jpg 600w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/12\/Jaana_Kleinschmit_von_Lengefeld_9.06.2022_72dpi-300x201.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/12\/Jaana_Kleinschmit_von_Lengefeld_9.06.2022_72dpi-150x101.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/12\/Jaana_Kleinschmit_von_Lengefeld_9.06.2022_72dpi-400x268.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Foto: Jaana Kleinschmit von Lengefeld \u00a9 Agra-Europe<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWir k\u00f6nnen uns in diesen Zeiten keinen politisch verursachten Wegfall der Produktion lebensnotwendiger G\u00fcter made in Germany erlauben\u201c, sagt Jaana Kleinschmit von Lengefeld, OVID-Pr\u00e4sidentin und Vorstandsvorsitzende der ADM Hamburg Aktiengesellschaft. Denn die Biokraftstoffproduktion trage nicht nur wesentlich zur Dekarbonisierung des Verkehrs bei, sie leiste auch einen erheblichen Beitrag zur Nahrungsmittelsicherheit.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frau Kleinschmit von Lengfeld, Sie sind von DDW (Die Deutsche Wirtschaft) als eine der F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der deutschen Wirtschaft in den Rankings der wichtigsten Unternehmen Deutschlands gelistet. Was bedeutet Ihnen das?<\/h3>\n\n\n\n<p>Gesamtgesellschaftliche Verantwortung f\u00fcr Ern\u00e4hrungssicherung, Energieversorgung durch die Biokraftstoff-Produktion auch als Beitrag zur Energiewende und Verantwortung f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, Auszubildende, Trainees, Hochschulabsolventen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sowohl die ADM als auch OVID agieren im Bereich der Futtermittel und Biokraftstoffe. Was reizt Sie an diesem Thema?<\/h3>\n\n\n\n<p>Vielfalt und Komplexit\u00e4t. Der \u00d6lsaatensektor leistet einen wichtigen Beitrag sowohl f\u00fcr die Nahrungs- und Futtermittelversorgung als auch f\u00fcr die Energiesicherheit durch die Bereitstellung klimafreundlicher Biokraftstoffe. Die bei der Herstellung von Biokraftstoffen aus \u00d6lsaaten und Futtergetreide produzierten Koppelprodukte \u2014 wie zum Beispiel Proteinfuttermittel \u2014 sind von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die Tierhaltung. Diese Koppelprodukte tragen damit signifikant zur Verbesserung der Selbstversorgung mit Lebensmitteln bei. Pro Liter Biokraftstoff entstehen mehr als 1,5 Kilogramm Proteinfutter sowie Lecithin f\u00fcr die Lebensmittelproduktion und rund 0,1 Liter pflanzliches Glycerin, das beispielsweise fossiles Glycerin aus der Zahnpasta verdr\u00e4ngt hat! Glycerin und Ethanol werden zur Herstellung von H\u00e4nde-Desinfektionsmitteln ben\u00f6tigt. Lecithin aus der \u00d6lsaatenverarbeitung wird als pflanzlicher Emulgator in Lebensmitteln eingesetzt. Ethanol stellt zudem einen nachhaltigen Ausgangsstoff f\u00fcr die Herstellung von biobasierten Chemikalien dar, die petrochemische Produkte wie Ethylen ersetzen und damit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Chemieindustrie leisten.<br><br>Doch diese Erfolgsstory wird in Frage gestellt. In der \u00f6ffentlichen Debatte und von Teilen der Bundesregierung sowie der L\u00e4nder wird zuletzt immer wieder plakativ eine strikte Begrenzung oder ein Ende von \u201eNahrungsmitteln im Tank\u201c gefordert. Damit wird die bestehende und funktionierende Marktregulierung zu Gunsten der Nahrungsmittelproduktion ignoriert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welche Folgen h\u00e4tte eine Einschr\u00e4nkung oder sogar ein Ende der Biokraftstoffproduktion?<\/h3>\n\n\n\n<p>Einschr\u00e4nkungen der Produktion von Biodiesel f\u00fchren zu unerw\u00fcnschten Kollateralsch\u00e4den in allen vor- und nachgelagerten Bereichen der Wertsch\u00f6pfungskette, insbesondere aber zu erheblichen negativen Auswirkungen auf eine echte physische Treibhausgasminderung. Es ist sehr schwer nachvollziehbar, warum gerade das Umweltministerium gegen den Klimaschutz arbeitet, indem Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse abgeschafft werden sollen. Dadurch kommen bis zu 13 Millionen Tonnen Treibhausgase (so viel st\u00f6\u00dft Hamburg pro Jahr aus) zur\u00fcck in den Verkehrssektor, die heute jedes Jahr durch diese Biokraftstoffe eingespart werden (BLE Bericht). Noch weniger nachvollziehbar wird das Ansinnen durch das \u201eSch\u00f6nrechnen\u201c dieser j\u00e4hrlich fehlenden 13 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub> -Minderung, indem Faktoren oder Multiplikatoren angehoben werden sollen, die bereits heute zu erheblichen Luftbuchungen in der Treibhausgasbilanz f\u00fchren. So soll zum Beispiel jede eingesparte Tonne CO<sub>2<\/sub> durch die Elektromobilit\u00e4t k\u00fcnftig mit dem Faktor vier multipliziert werden (heute Faktor drei). Das hei\u00dft aus einer tats\u00e4chlich physisch eingesparten Tonne CO<sub>2<\/sub> werden pl\u00f6tzlich vier Tonnen CO<sub>2<\/sub>, wovon drei Tonnen nicht eingespart werden, weil sie nicht existieren. Das ist Trickserei und verzerrt den Wettbewerb aller verf\u00fcgbaren technischen L\u00f6sungen zur Treibhausgasminderung. Bei Biodiesel wird ehrlich und richtig gerechnet, eine Tonne bleibt eine Tonne, physisch und rechnerisch, ohne Multiplikatoren. Biokraftstoffe in Deutschland erf\u00fcllen \u00fcbrigens die weltweit sch\u00e4rfsten Anforderungen an nachhaltige Lieferketten, werden unabh\u00e4ngig \u00fcberwacht, auditiert und zertifiziert. Jeder Biokraftstoffproduzent in Deutschland muss sich j\u00e4hrlichen Kontrollen unterziehen und den Nachweis erbringen, dass jede eingesparte Tonne CO<sub>2<\/sub> auch tats\u00e4chlich eingespart wurde. \u00a0<br><br>Dies wird umso bedeutsamer, nachdem die Bundesregierung kommuniziert hat, Kohlekraftwerke weiter in Betrieb zu halten. Strom aus Kohlekraftwerken d\u00fcrfte erhebliche negative Auswirkungen auf die CO<sub>2<\/sub>-Bilanz von E-Fahrzeugen haben. Dem Klimaschutz wird ein B\u00e4rendienst erwiesen.\u00a0<br><br>Die Biokraftstoffproduktion leistet einen erheblichen Beitrag zur Nahrungsmittelsicherheit. Einschr\u00e4nkungen der Produktion von Biodiesel h\u00e4tten unerw\u00fcnschte Folgen f\u00fcr die klimafreundliche heimische Versorgung mit Futtermitteln und Basischemikalien. Sie w\u00fcrden die nationalen und europ\u00e4ischen Ziele in Bezug auf Versorgungssicherheit und Klimaschutz offen konterkarieren.\u00a0<br><br>Deutschland m\u00f6chte seine Selbstversorgung mit der Eiwei\u00dfpflanzenstrategie steigern, tut aber genau das Gegenteil, denn der hieraus resultierende Wegfall von Futtermitteln m\u00fcsste anderweitig kompensiert werden. Eine fl\u00e4cheneffiziente Eiwei\u00dfpflanzenstrategie kann nur mit Biokraftstoffen gelingen, ohne ist sie zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was w\u00fcrden Sie sich denn in der aktuellen Situation w\u00fcnschen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die zust\u00e4ndigen Bundesministerien verdr\u00e4ngen die absehbaren Konsequenzen eines Biokraftstoffausstiegs. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle den Verantwortlichen in der Bundesregierung Folgendes zu bedenken geben: Eine m\u00f6gliche Abschaffung von Biokraftstoffen w\u00fcrde bis zu 20.000 Arbeitspl\u00e4tze in Deutschland gef\u00e4hrden und verunsichert bereits jetzt die Unternehmen, die investieren und planen wollen. Wir k\u00f6nnen uns in diesen Zeiten keinen politisch verursachten Wegfall der Produktion lebensnotwendiger G\u00fcter made in Germany erlauben!\u00a0<br><br>Gerne wollen wir in den Austausch treten und in pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen zu klugen L\u00f6sungen beitragen, die der Komplexit\u00e4t der Sachzusammenh\u00e4nge gerecht wird und echter Klimaschutz eine Chance erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Und warum sind Biokraftstoffe so unverzichtbar f\u00fcr den Verkehr?\u00a0<\/h3>\n\n\n\n<p>Die vielf\u00e4ltigen Vorz\u00fcge der Nutzung von Biokraftstoffen liegen auf der Hand. Zuallererst ersetzen Biokraftstoffe eins zu eins fossile Kraftstoffe. Fossile \u00d6l- und Kraftstoffe stammen zu erheblichen Anteilen aus Krisenregionen. Der physische Beitrag zur Kraftstoffversorgung durch Biokraftstoffe betrug allein in Deutschland zuletzt bis zu 4,5 Millionen Tonnen \u2014 das entspricht 200 PKW-Tankf\u00fcllungen pro Minute. Anders ausgedr\u00fcckt, m\u00fcssten bis zu 7 Prozent mehr fossile Kraftstoffe, mit erheblich negativerer Klimawirkung durch hohen Treibhausgasaussto\u00df, die L\u00fccke f\u00fcllen. Wir versch\u00e4rfen die Abh\u00e4ngigkeit von fossiler Energie durch eine Begrenzung oder ein Ende der heimischen Produktion von Biokraftstoffen.<br><br>Nachhaltig zertifizierte Biokraftstoffe sind gut f\u00fcr das Klima. Sie werden fossilen Kraftstoffen in Deutschland aufgrund der gesetzlich verankerten Treibhausgasminderungs-Quote beigemischt, um die Emissionen im Verkehr wirksam zu reduzieren. Im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen mindern Biokraftstoffe Emissionen um bis zu 92 Prozent und sparen hierzulande j\u00e4hrlich weit \u00fcber 13 Millionen Tonnen klimasch\u00e4dliches CO<sub>2<\/sub> ein \u2014 allein im Jahr 2020 rund 13,2 Millionen Tonnen. Biokraftstoffe weisen derzeit einen Anteil von \u00fcber 98 Prozent an den erneuerbaren Energien im Stra\u00dfenverkehr auf. Ihr kurz- und mittelfristiger Ersatz im Hinblick auf die Klimaschutzleistung ist aus heutiger Sicht nicht m\u00f6glich.<br><br>Biokraftstoffe sind die einzigen verf\u00fcgbaren und funktionierenden Kraftstoffe zur Minderung von Treibhausgasen in allen Verbrennungsmotoren (PKW und LKW). Auch wenn Verbrennungsmotoren ein Auslaufmodell f\u00fcr Neuzulassungen bis 2035 sein werden, wird es mindestens bis 2050 noch Millionen von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren auf Deutschlands Stra\u00dfen geben, die Treibhausgase emittieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Krieg in der Ukraine hat einen sp\u00fcrbaren Einfluss auf den Preis sowie die Verf\u00fcgbarkeit von Speise\u00f6len in Deutschland. Die Ukraine ist mit 51 Prozent eines der weltweit wichtigsten Exportl\u00e4nder f\u00fcr Sonnenblumen\u00f6l. Der Bedarf an Sonnenblumen\u00f6l in Deutschland wird zu 94 Prozent \u00fcber Importe gedeckt. Was bedeutet der Krieg in der Ukraine f\u00fcr die landwirtschaftlichen Abnehmer und Produzenten?<\/h3>\n\n\n\n<p>Was die Produktion von Speise\u00f6len in Deutschland betrifft, so sehen wir \u2014 abgesehen von den inzwischen allgemein bekannten Einschr\u00e4nkungen des Sonnenblumen\u00f6ls, von dem im \u00dcbrigen keine einzige Tonne zur Biokraftstoffproduktion, sondern ausschlie\u00dflich zur Lebensmittelproduktion verwendet wird \u2014 derzeit in unserem Teil der Lieferkette keine Verknappung. Die Produktion in den Werken l\u00e4uft bei normaler Auslastung. Die Abf\u00fcllanlagen f\u00fcr Speise\u00f6l sind kontinuierlich in Betrieb und die Produkte werden ohne St\u00f6rungen abtransportiert.<br><br>Die j\u00fcngsten Erhebungen zur Aussaat von Sonnenblumensaat in und au\u00dferhalb der Ukraine lassen bei guter Vegetation mit zufriedenstellenden Ertr\u00e4gen auf ein wenig Entspannung in diesem Sektor hoffen. Grunds\u00e4tzlich gilt, dass Handelsbeschr\u00e4nkungen angesichts enger globaler Bilanzen bei manchem Getreide und \u00d6lsaaten kontraproduktiv sind. Die Politik tut gut daran, kluge L\u00f6sungen f\u00fcr funktionierende M\u00e4rkte und einen freien Warenverkehr sicherzustellen, statt Lieferketten durch praxisferne Regulierung weiter zu belasten. Wer Hungerkrisen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg weltweit abwenden will, muss alles tun, damit die Ertr\u00e4ge auf vorhandenen Fl\u00e4chen gesteigert werden k\u00f6nnen. Nur durch eine nachhaltige Steigerung der Produktivit\u00e4t der Landwirtschaft im Einklang mit der Farm-to-Fork-Strategie und der Biodiversit\u00e4tsstrategie kann dies gelingen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zum Schluss habe ich noch eine pers\u00f6nliche Frage an Sie: Wer oder was inspiriert Sie?<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach wie vor alles rund um die Landwirtschaft mit all ihrer nat\u00fcrlichen Komplexit\u00e4t und der wichtigen Verkn\u00fcpfung regionaler Produktion mit den Weltm\u00e4rkten.\u00a0<br><br>Jede Landwirtin und jeder Landwirt lernt von klein auf wie Dinge zusammenh\u00e4ngen, das hei\u00dft: Jede vorgenommene Ver\u00e4nderung an einer beliebigen Stellschraube hat meist multifaktorielle Auswirkungen, die vorher \u00fcberlegt und durchdacht sein sollten. Erreiche ich mit dem, was ich tue wirklich das, was ich erreichen m\u00f6chte? Das ist die entscheidende Frage. Um diese Frage richtig beantworten zu k\u00f6nnen, bedarf es eines wertfreien offenen Austauschs, des Willens zuzuh\u00f6ren und m\u00f6glicherweise auch der Bereitschaft, seine Position zu \u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir k\u00f6nnen uns in diesen Zeiten keinen politisch verursachten Wegfall der Produktion lebensnotwendiger G\u00fcter made in Germany erlauben\u201c, sagt Jaana Kleinschmit von Lengefeld, OVID-Pr\u00e4sidentin und Vorstandsvorsitzende der ADM Hamburg Aktiengesellschaft. 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