{"id":118658,"date":"2022-11-17T07:20:00","date_gmt":"2022-11-17T06:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=118658"},"modified":"2022-11-14T14:35:32","modified_gmt":"2022-11-14T13:35:32","slug":"mit-baumen-das-klima-retten-so-einfach-ist-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/mit-baumen-das-klima-retten-so-einfach-ist-es-nicht\/","title":{"rendered":"Mit B\u00e4umen das Klima retten? So einfach ist es nicht"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Wenn die Menschheit nur ausreichend B\u00e4ume pflanzen w\u00fcrde, brauchten sie ihren Lebensstil nicht zu gravierend zu ver\u00e4ndern \u2013 zumindest in den reichen L\u00e4ndern. Das jedenfalls suggerieren zahlreiche Umweltorganisationen und Flugreise-Kompensationsanbieter, darunter einst sogar das Umweltprogramm der UN (UNEP) mit seiner 2007 gestarteten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.unep.org\/resources\/publication\/plant-planet-billion-tree-campaign\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Milliarden-B\u00e4ume-Kampagne<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"611\" height=\"347\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-14-um-13.07.38.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-118673\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-14-um-13.07.38.png 611w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-14-um-13.07.38-300x170.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-14-um-13.07.38-150x85.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/11\/Bildschirmfoto-2022-11-14-um-13.07.38-400x227.png 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><figcaption>(Bild:\u00a0Peshkova \/ shutterstock.com)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Aber die Klimawissenschaft ist immer wieder f\u00fcr \u00dcberraschungen gut. Forschung bleibt nie stehen und revidiert auch mal altes, f\u00fcr sicher gehaltenes Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnten gro\u00df angelegte Aufforstungsprojekte die Energiebilanz der Erde genauso tiefgreifend ver\u00e4ndern, wie es die immer noch fortschreitenden, weltweiten Abholzungen tun. Immerhin verlor&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.sdw.de\/ueber-den-wald\/gefahren-fuer-den-wald\/waldzustand-weltweit\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">die Erde zwischen 2010 und 2020 j\u00e4hrlich 4,7 Millionen Hektar Wald<\/a>. Seit 1990 fielen B\u00e4ume auf 178 Millionen Hektar den S\u00e4gen zum Opfer \u2013 eine Fl\u00e4che so gro\u00df wie Australien. Diesen Verlust wollen Umweltsch\u00fctzer, Politiker und zahlreiche Schulklassen weltweit mit Aufforstungskampagnen wieder ausb\u00fcgeln. Bisher ermutigte die Wissenschaft sie sogar darin.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"nav_einfluss_der__0\">Einfluss der W\u00e4lder auf die Energiebilanz der Erde<\/h3>\n\n\n\n<p>So berechneten im Juli 2019 Forscher des Crowther Lab der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule (ETH) in Z\u00fcrich, dass\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.aax0848\" target=\"_blank\">weltweit 900 Millionen Hektar Anbaufl\u00e4che f\u00fcr Wiederaufforstungen<\/a>\u00a0verf\u00fcgbar seien. Diese inzwischen\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/redd-monitor.org\/2019\/10\/18\/global-tree-restoration-most-effective-climate-change-solution-dangerously-misleading\/\" target=\"_blank\">oft kritisierte Studie<\/a>\u00a0ging davon aus, dass sich ein Viertel des gesamten atmosph\u00e4rischen Kohlenstoffs in diesen Gebieten in B\u00e4umen speichern lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch sie \u00fcbersahen, dass W\u00e4lder auch die Energiebilanz der Erde ver\u00e4ndern, was sich wiederum auf die weltweiten atmosph\u00e4rischen und sogar die ozeanischen Zirkulationsmuster auswirkt. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41467-022-33279-9\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Modellstudie<\/a>&nbsp;von Klimaforschern um Raphael Portmann von Agrosope, der schweizerischen Bundesanstalt f\u00fcr Landwirtschaft, und seinen Kollegen vom Institut f\u00fcr Atmosph\u00e4ren- und Klimawissenschaften der ETH.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Angesichts der Tatsache, dass in einer umstrittenen Studie die Aufforstung in globalem Ma\u00dfstab zur Abschw\u00e4chung des Klimawandels bef\u00fcrwortet wurde und derzeit konkrete Pl\u00e4ne verfolgt werden, ist es wichtig, die m\u00f6glichen Nebenwirkungen gro\u00dffl\u00e4chiger Ver\u00e4nderungen der Waldbedeckung auf die Zirkulation und auf entfernte Wettermuster zu quantifizieren&#8221;, warnen die Autoren der Modellstudie. Sie beziehen sich dabei vor allem auf die neuere&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.trilliontreecampaign.org\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Milliarden-B\u00e4ume-Kampagne<\/a>&nbsp;der umstrittenen Plant-for-the-Planet-Stiftung, die das Projekt 2011 von der UNEP erbte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"nav_wechselwirkungen__1\">Wechselwirkungen zwischen W\u00e4ldern, Atmosph\u00e4re und Ozeanen<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Modell, das Portmann und seine Kollegen verwendeten, ist vorerst nur ein erster Schritt, mit dem sie sich den komplizierten Wechselwirkungen zwischen gro\u00dfen W\u00e4ldern, Atmosph\u00e4re und Ozeanen anzun\u00e4hern versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ausgangspunkt nahmen sie eine vorindustrielle Waldbedeckung von etwa 30 Prozent der Landfl\u00e4che an. In einem idealisierten Aufforstungsszenario wandelten sie Grasland, Ackerland, Str\u00e4ucher und St\u00e4dte in W\u00e4lder um, was zu einer Waldbedeckung von 80 Prozent f\u00fchrte. Umgekehrt bedeckte im idealisierten Entwaldungsszenario nur noch Gras die feste Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit zeigten die Forscher, dass gro\u00dffl\u00e4chige Aufforstungen die Zirkulationsmuster der Atmosph\u00e4re, Meeresstr\u00f6mungen und die Tiefdruckrinne um den \u00c4quator st\u00e4rken, schw\u00e4chen oder verschieben. In deren Folge \u00e4nderten sich beim Aufforstungsszenario genauso wie beim Entwaldungsszenario weltweit die regionalen Niederschlags-, Temperatur-, Wolkenbedeckungs- und Windmuster.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielsweise ist die Albedo, die R\u00fcckstrahlung des Sonnenlichts, \u00fcber W\u00e4ldern geringer als \u00fcber Grasland, die Verdunstung durch das Bl\u00e4tterdach ist h\u00f6her und die Rauigkeit der Landoberfl\u00e4che ist gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Dies f\u00fchrt zu Ver\u00e4nderungen in entfernten Klimamustern, die \u00fcber die bekannten lokalen und globalen thermodynamischen Effekte hinausgehen&#8221;, schreiben die Forscher. &#8220;Sie k\u00f6nnen den k\u00fchlenden oder w\u00e4rmenden Effekten der Kohlenstoffspeicherung teilweise entgegenwirken.&#8221; Allein durch die schw\u00e4chere Albedo k\u00f6nnte der eigentlich erhoffte globale Temperatur-Milderungseffekt gro\u00dffl\u00e4chiger Aufforstungen zunichte gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"nav_szenarien_mit__2\">Szenarien mit unterschiedlicher Bewaldung durchgerechnet<\/h3>\n\n\n\n<p>So war die globale Jahresmitteltemperatur in der Simulation mit gro\u00dffl\u00e4chigen W\u00e4ldern um 0,5 Grad Celsius h\u00f6her als in der vorindustriellen Ausgangslage. Die meisten Teile der n\u00f6rdlichen au\u00dfertropischen Gebiete und der Sahelzone erw\u00e4rmten sich sogar um mehr als ein Grad, in einigen Regionen sogar um mehr als zwei Grad. Die Folgen: In weiten Teilen der mittleren Breiten und der Subtropen k\u00f6nnte es mehr Hitzetage von \u00fcber 30 Grad gegeben haben, w\u00e4hrend Teile der tropischen Landmassen, insbesondere in Afrika, abk\u00fchlen und deutlich weniger Hitzetage bekommen h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders bei waldlosen Graslandschaften. Hier kommt das Modell auf eine Abk\u00fchlung von 1,6 Grad, wobei es in den hohen Breitengraden sogar vier Grad sein konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Zu den ferngesteuerten \u00c4nderungen der Meeresoberfl\u00e4chentemperatur geh\u00f6rt auch eine starke Abk\u00fchlung des Nordatlantiks im Aufforstungsszenario und seine Erw\u00e4rmung im Entwaldungsszenario&#8221;, schreiben die Autoren. Wird der Nordatlantik k\u00fchler, schw\u00e4chelt auch das Golfstromsystem, die Fernheizung Europas. Der Rat der Wissenschaftler: Gro\u00df angelegte Aufforstungsinitiativen sollten unbedingt die globalen Auswirkungen auf das Klima auch in Regionen ber\u00fccksichtigen, die weit von den bewaldeten Gebieten entfernt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klimaforscher sind sich \u00fcber die Grenzen ihres noch einfachen Rechenmodells durchaus klar: &#8220;Es wichtig zu betonen, dass unsere Studie nicht als generelles Argument gegen die Aufforstung verwendet werden darf&#8221;, betonen sie. &#8220;Die Vorteile, wie Luftqualit\u00e4t, Biodiversit\u00e4t, Ern\u00e4hrung, lokale Abk\u00fchlung und Beschattung, Schutz der Wasserressourcen oder Erholung, sind offensichtlich, und die Aufforstung in den Tropen ist eindeutig vorteilhaft.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Menschheit nur ausreichend B\u00e4ume pflanzen w\u00fcrde, brauchten sie ihren Lebensstil nicht zu gravierend zu ver\u00e4ndern \u2013 zumindest in den reichen L\u00e4ndern. 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