{"id":115467,"date":"2022-09-15T07:20:00","date_gmt":"2022-09-15T05:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=115467"},"modified":"2022-09-12T15:29:54","modified_gmt":"2022-09-12T13:29:54","slug":"problemfresser-namens-phl7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/problemfresser-namens-phl7\/","title":{"rendered":"Problemfresser namens PHL7"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><\/li><\/ul>\n\n\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/5728127\/948\/22732680-1.jpg\"><\/a>Die Welt ist voller Plastikm\u00fcll. F\u00fcr manche mag der gebetsm\u00fchlen\u00adartig von Umweltschutz\u00adorgani\u00adsa\u00adtio\u00adnen vorgetragene Befund inzwischen wie ein alter Hut klingen. Dabei haben wir noch nicht mal wirklich damit angefangen, die Plastikkrise anzugehen. 2020 fielen in Europa 29,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfall an, 5 Millionen Tonnen mehr als noch 2006. Nur 10,2 Millionen Tonnen davon wurden recycelt, vom Rest wurden 12,4 Millionen Tonnen verbrannt und 6,9 Millionen Tonnen auf Deponien abgeladen. In anderen Teilen der Welt f\u00e4llt die Bilanz noch schlechter aus. Die Folge: Jedes Jahr gelangen mehrere Millionen Tonnen&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Forscher-ueber-Meerplastik-und-Entsorgung\/!5738866\/\">Kunststoff in die Ozeane<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1.jpg\" alt=\"Export\u00adwelt\u00admeister: Mehr als 700.000 Tonnen Plastikm\u00fcll exportiert Deutschland jedes Jahr \" class=\"wp-image-115492\" width=\"711\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1.jpg 948w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1-300x150.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1-150x75.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1-768x384.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/09\/22732680-1-400x200.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px\" \/><figcaption>Export\u00adwelt\u00admeister: Mehr als 700.000 Tonnen Plastikm\u00fcll exportiert Deutschland jedes Jahr&nbsp;Foto: Arnd Wiegmann\/reuters <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Mitte Mai aber machte ausnahmsweise mal eine gute Plastik-Nachricht die Runde: \u201eForschende der Universit\u00e4t Leipzig haben ein Enzym entdeckt, das PET in bisher unerreichter Geschwindigkeit zerfressen kann. Und da der Kunststoff beim Recyceln auch noch schonend in seine Bestandteile zersetzt wird, entsteht ein Kreislauf\u201c,&nbsp;<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.ardalpha.de\/wissen\/umwelt\/nachhaltigkeit\/enzym-plasik-recycling-pet-kunststoff-zersetzen-umwelt-muell-100.html\" rel=\"noreferrer noopener\">schrieb zum Beispiel ARD alpha<\/a>. Kann das plastikzersetzende Enzym mit dem Namen PHL7 damit etwas zur Bew\u00e4ltigung der Plastikflut beitragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Reihe nach: Enzyme, die Poly\u00adethylenterephthalat oder kurz PET zersetzen k\u00f6nnen, sind schon seit einigen Jahren bekannt. Erstmals beschrieben 2005 For\u00adsche\u00adr:innen der Gesellschaft f\u00fcr Biotechnologische Forschung in Braunschweig ein Enzym mit dieser F\u00e4higkeit. Doch die Geschwindigkeit, mit der das neue Enzym PHL7 PET zersetzt, ist tats\u00e4chlich neu. Bisher war der Spitzenreiter das Enzym LCC, das Wis\u00adsen\u00adschaft\u00adle\u00adr:in\u00adnen 2012 in Japan entdeckten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Entdeckung auf dem Kompost<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben den Goldstandard LCC genommen und unter absolut identischen Bedingungen im Labor mit PHL7 verglichen. PHL7 hatte eine doppelt so hohe Maximalleistung wie LCC\u201c, erkl\u00e4rt Christian Sonnendecker von der Universit\u00e4t Leipzig, der die Forschungsgruppe leitet, im Zoom-Call. Eine Schalenverpackung aus PET-Plastik k\u00f6nne PHL7 so innerhalb von 24 Stunden zersetzen. Und das Beste ist: Aus den \u00dcberresten l\u00e4sst sich neues PET-Plastik herstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kunststoffe wie PET sind Polymere, also Verkettungen von einzelnen Molek\u00fclen, den sogenannten Monomeren, in immer gleichen Abfolgen. PET beispielsweise besteht aus Terephthals\u00e4ure und Ethylenglycol. Wie die Leipziger For\u00adsche\u00adr:in\u00adnen herausgefunden haben, spaltet PHL7 diese polymere Kette in seine zwei Grundbausteine. \u201eDie k\u00f6nnen wir danach reinigen und dann daraus neues PET synthetisieren\u201c, erl\u00e4utert Sonnendecker.<\/p>\n\n\n\n<p>Normalerweise zersetzen Enzyme wie PHL7 und LCC kein Plastik, sondern in der Natur vorkommende Stoffe. Zum Beispiel eine Art \u00e4u\u00dfere Wachsschicht bei Pflanzen, die aus nat\u00fcrlichem Polyester besteht. Weil die Enzyme aber so unspezifisch sind, k\u00f6nnen sie auch PET spalten. Ohne zus\u00e4tzliche Energie funktioniert das jedoch nicht so richtig. Auf 70 Grad muss der Kunststoff erw\u00e4rmt werden, damit die molekulare Struktur von PET flexibel genug f\u00fcr die Spaltung wird. Daher suchten die Leipziger For\u00adsche\u00adr:in\u00adnen gezielt auf dem Komposthaufen eines Leipziger Friedhofs nach passenden Enzymen und stie\u00dfen so auf PHL7. \u201eDer Komposthaufen bringt das nat\u00fcrliche Substrat und die hohen Temperaturen gut zusammen\u201c, erl\u00e4utert Sonnendecker.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">PHL7 zersetzt nicht jedes Plastik<\/h3>\n\n\n\n<p>Die For\u00adsche\u00adr:in\u00adnen haben mit dem Enzym Gro\u00dfes vor: Sie wollen PHL7 in der Industrie anwenden. Hierzu arbeiten sie mit anderen For\u00adsche\u00adr:in\u00adnen und Unternehmen im Rahmen des EU-Projektes ENZYCLE an der Umsetzung. Der n\u00e4chste Schritt w\u00e4ren Tests in Tanks, die 150 Liter fassen. Allerdings wendet Sonnendecker ein: \u201eIch wei\u00df, dass dieses enzymatische Recycling nicht der Schl\u00fcssel f\u00fcr jegliches PET-Recycling sein kann.\u201c Denn nur 6 Prozent des Kunststoffs in Deutschland besteht aus PET, viele andere Kunststoffe k\u00f6nnen nicht zersetzt werden. \u201eBei Polyethylen, Polypropylen, Polystrol und PVC haben wir enzymatisch keine Chance\u201c, so Sonnendecker. \u201eAlles reduzierte Kohlenwasserstoffe, die chemisch sehr unreaktiv sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese vier Kunststoffarten machen zusammen aber satte 63 Prozent des Plastiks in Deutschland aus. Zudem kann PHL7 nicht jegliches PET-Plastik zersetzen, sondern nur sogenanntes amorphes PET, das eine weniger hohe Dichte hat und empfindlicher gegen\u00fcber hohen Temperaturen ist als das sogenannte teilkristalline PET. \u201ePHL7 kann keine PET-Flaschen abbauen\u201c, stellt Sonnendecker klar. Deshalb m\u00fcssten wir Kunststoff reduzieren, vor allem Einwegverpackungen. \u201eWir vergeuden Erd\u00f6lressourcen und produzieren sinnlos CO<sub>2<\/sub>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich befeuert Plastik in einem enormen Ausma\u00df die Klima\u00adkrise. 2015 war es f\u00fcr 4,5 Prozent der globalen j\u00e4hrlichen Treib\u00adhaus\u00adgas\u00ademis\u00adsionen verantwortlich, Tendenz steigend. Sch\u00e4tzungen zufolge k\u00f6nnte die Plastikproduktion- und verbrennung bis 2050 zwischen 10 und 13 Prozent unseres gesamten verbleibenden globalen CO<sub>2<\/sub>-Budgets aufbrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch das Plastik selbst wird zunehmend zum Problem: Mehr als 86 Millionen Tonnen schwimmen laut dem \u201e<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/chemie\/chemie_plastikatlas_2019.pdf\" rel=\"noreferrer noopener\">Plastikatlas<\/a>\u201c des BUND und der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung schon in den Ozeanen. Bis eine Plastikt\u00fcte im Meer zersetzt ist, dauert es jedoch 20 Jahre, bei einer Plastiktrinkflasche 450 Jahre, bei einer Angelschnur aus Kunststoff ganze 600 Jahre. Kunststoff in den Weltmeeren zerf\u00e4llt mit der Zeit in winzige Teilchen und wird so zu dem&nbsp;<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/OECD-warnt-vor-Plastikmuell\/!5858842\/\" rel=\"noreferrer noopener\">ber\u00fcchtigten Mikroplastik<\/a>. Vom Grund des Marianengrabens bis zum Gipfel des Mount Everest ist Mikroplastik mittlerweile beinahe \u00fcberall. Auch in Fischen und V\u00f6geln und mittlerweile auch schon im Blut von Menschen wurde Mi\u00adkro\u00adplastik nachgewiesen. Welche gesundheitlichen Auswirkungen es auf den Menschen hat, bleibt derweil noch unklar.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weltmeere bleiben verschmutzt<\/h3>\n\n\n\n<p>Viele hoffen auf das Projekt \u201eOcean Cleanup\u201c, das mithilfe von schwimmenden Barrieren die Meere vom Plastikm\u00fcll befreien soll. Eine Studie zeigte jedoch, dass es \u00fcber einen Zeitraum von 130 Jahren&nbsp;<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/!5704104\/\" rel=\"noreferrer noopener\">lediglich 5 Prozent des Plastiks aus den Ozeanen wird fischen k\u00f6nnen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, die sich nun die Rettung durch das Leipziger Wunderenzym PHL7 vorstellen, h\u00e4lt Christian Sonnendecker eine schlechte Nachricht bereit. PHL7 ist n\u00e4mlich f\u00fcr die Beseitigung des Plastiks aus den Weltmeeren ungeeignet, sagt er: \u201eDas Enzym arbeitet nur in sehr spezifischen Temperaturen effizient. Und wenn wir es einfach ins Meer kippen w\u00fcrden, w\u00fcrde sich das sofort verd\u00fcnnen.\u201c Dazu komme, dass auch in den Ozeanen nur ein kleiner Anteil des Plastiks das von PHL7 abbaubare amorphe PET ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Viola Wohlgemuth, Ressourcenschutz-Expertin bei Greenpeace, hat ganz grunds\u00e4tzliche Bedenken beim PET-Recycling mit Enzymen. Denn PET-Verpackungen seien oftmals nur teilweise zersetzbar: \u201eDa sind auch Farbstoffe, Weichmacher und Additive drin, die nicht abbaubar sind\u201c, so Wohlgemuth. Zumal das gro\u00dfe Problem aus ihrer Sicht ohnehin die anderen Kunststoffe sind: \u201eWir investieren in Technologien, die am Ende nur ein bisschen an dem Problem herumkratzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzige L\u00f6sung sieht sie in einem generellen Verbot von Plastik, das nach aktuellem technischem Stand nicht recycelf\u00e4hig ist \u2013 begleitet durch eine umfassende Mehrwegpflicht und ein Verbot von Plastikm\u00fcllexporten. \u201eWir sind Europameister im Plastikm\u00fcllexport\u201c, so Wohlgemuth. J\u00e4hrlich exportiert Deutschland mehr als 700.000 Tonnen Plastikm\u00fcll. Seit China 2018 einen Importstopp verh\u00e4ngte, landet ein Gro\u00dfteil des deutschen Plastikm\u00fclls in Malaysia und der T\u00fcrkei.<\/p>\n\n\n\n<p>Einig sind sich Sonnendecker und Wohlgemuth darin, dass sich unsere Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft entwickeln m\u00fcsste. Das Bewusstsein daf\u00fcr m\u00f6chte Sonnendecker mit seiner Forschung schaffen. Aus seiner Sicht k\u00f6nnte die Kreislaufwirtschaft bei PET-Plastik modellhaft erprobt werden. \u201eMan hat nat\u00fcrlich die Hoffnung, neue Technologien zu entwickeln\u201c, sagt er. \u201eAber nur die Hoffnung, etwas Neues zu entwickeln, rechtfertigt es meiner Meinung nach nicht, sich heute zu benehmen, als ob man die Technologien schon h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Plastikkrise ist es wie in der Klimakrise: Es existiert keine Zauberformel, die das Problem im Alleingang l\u00f6sen wird. Viele Werkzeuge m\u00fcssen zu L\u00f6sungen beitragen. PHL7 k\u00f6nnte eines sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist voller Plastikm\u00fcll. F\u00fcr manche mag der gebetsm\u00fchlen\u00adartig von Umweltschutz\u00adorgani\u00adsa\u00adtio\u00adnen vorgetragene Befund inzwischen wie ein alter Hut klingen. Dabei haben wir noch nicht mal wirklich damit angefangen, die Plastikkrise anzugehen. 2020 fielen in Europa 29,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfall an, 5 Millionen Tonnen mehr als noch 2006. Nur 10,2 Millionen Tonnen davon wurden recycelt, [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"none","nova_meta_subtitle":"For\u00adsche\u00adr:in\u00adnen aus Leipzig haben ein Enzym entdeckt, das PET-Plastik schnell zersetzt. Hilft es in Zukunft dabei, die Plastikflut zu bew\u00e4ltigen?","footnotes":""},"categories":[17143],"tags":[12858,11841,13453,14007,10453],"supplier":[5071,1640,889,1225],"class_list":["post-115467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-recycling","tag-enzyme","tag-kreislaufwirtschaft","tag-kunststoffe","tag-pet","tag-recycling","supplier-ard","supplier-bund-fuer-umwelt-und-naturschutz-deutschland-ev-bund","supplier-greenpeace-d","supplier-universitaet-leipzig"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115467\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=115467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=115467"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=115467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}