{"id":113996,"date":"2021-08-12T07:22:00","date_gmt":"2021-08-12T05:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=113996"},"modified":"2022-08-03T12:15:23","modified_gmt":"2022-08-03T10:15:23","slug":"baustoffe-aus-pilzen-algen-und-sonnenlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/baustoffe-aus-pilzen-algen-und-sonnenlicht\/","title":{"rendered":"Baustoffe aus Pilzen, Algen und Sonnenlicht"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p><strong>Ob anbaubare Baustoffe aus Pilzen, zementfreier Beton oder hochfeste Baumaterialien, die aus Algen, Stein und Sonnenlicht hergestellt werden \u2013 im letzten Web-Seminar der Reihe \u00bbBaustoffe der Zukunft\u00ab von\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.natureplus.org\/\" target=\"_blank\">natureplus<\/a> wurden inspirierende Innovationen vorgestellt, die den Bausektor nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1.jpg\" alt=\"Der Reishi-Pilz w\u00e4chst an den Wurzeln und St\u00fcmpfen von B\u00e4umen, und seine schnell wachsenden faserigen Wurzeln, das Myzel, werden zur Entwicklung neuer Baumaterialien verwendet. Foto: Pixabay \" class=\"wp-image-114029\" width=\"743\" height=\"471\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1.jpg 990w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1-300x190.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1-150x95.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1-768x487.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/08\/Reishi_tree_fungus_Easy-Resize.com_-e1627461069450-990x628-1-400x254.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 743px) 100vw, 743px\" \/><figcaption>Der Reishi-Pilz w\u00e4chst an den Wurzeln und St\u00fcmpfen von B\u00e4umen, und seine schnell wachsenden faserigen Wurzeln, das Myzel, werden zur Entwicklung neuer Baumaterialien verwendet. Foto: Pixabay\u00a0<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Den Auftakt machte Dr. Dirk Hebel, Professor f\u00fcr Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie (KIT), der Einblicke in das Thema \u00bbKultivierung von Baustoffen\u00ab gab, insbesondere in das Thema \u00bbMyzel\u00ab\u00a0(= das wurzel\u00e4hnliche Geflecht von Pilzf\u00e4den, Anm.d.Red.)<em>.\u00a0<\/em>Baustoffe aus \u00bbanbaubaren\u00ab, nachwachsenden Rohstoffen k\u00f6nnten erheblich dazu beitragen, die aktuelle Ressourcenl\u00fccke zu schlie\u00dfen. Mit Blick auf den dringend notwendigen Wandel im Bausektor fasst Hebel zusammen: \u00bbWir m\u00fcssen unsere Baustoffe kultivieren, denn andere Ans\u00e4tze werden nicht ausreichen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Hebel und sein Team wurden erstmals auf Myzel als Baumaterial aufmerksam, als sie den K\u00fcnstler Philip Ross trafen, der in den 1990er Jahren begann, Myzel als Medium f\u00fcr Skulpturen zu verwenden. Ross ist Mitbegr\u00fcnder und CTO von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.mycoworks.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">MycoWorks<\/a>, einem Unternehmen, das Biomaterialien aus Myzel z\u00fcchtet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Myzelium \u2013 mehr als nur ein Pilz<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Verwendung von Pilzen als Baumaterial bedeutet eigentlich die Nutzung ihres gro\u00dfen Wurzelsystems, in dem die Hyphen (= Pilzf\u00e4den) miteinander verschmelzen und das Myzelium bilden. Das Myzel fungiert als Klebstoff, wenn es mit einer bestimmten Substanz vermischt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Mischen des Myzelgewebes mit einem sterilisierten Substrat beginnt der Pilz die N\u00e4hrstoffe zu verdauen und verwandelt sich in eine dichte Substanz, die dann in verschiedene Formen gegossen werden kann. Das gegossene Myzel verdichtet sich anschlie\u00dfend weiter zu seiner endg\u00fcltigen Form. In einem letzten Schritt wird das entstandene Bauelement getrocknet, um den Wachstumsprozess zu stoppen. Dieser kann insgesamt zwischen sechs und zehn Tagen dauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das Myzel einem Stoffwechselzyklus folgt, k\u00f6nnen Bauelemente oder sogar ganze Konstruktionen nach ihrer urspr\u00fcnglichen Verwendung kompostiert werden. Das Material kann vor Ort angebaut werden, was sowohl den Energie- als auch den Zeitaufwand f\u00fcr den Transport reduziert. Und da es sich um organisches Material handelt, kann es Kohlenstoff aufnehmen und als CO2-Speicher fungieren. Die Nachteile von Myzel liegen jedoch in seiner geringen Festigkeit, der gro\u00dfen Toleranz bei der Herstellung und der geringen Best\u00e4ndigkeit gegen Insektenbefall und Feuchtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hebel stellte auch einige laufende Experimente vor, die er und sein Team derzeit durchf\u00fchren. So verwenden sie beispielsweise Myzel als Leim in OSB-Platten. In einem Geb\u00e4ude in Indonesien haben sie eine ganze Wand damit gebaut, um das Verhalten in einem feindlichen Klima zu testen. Als weiteres praktisches Beispiel stellte Dr. Hebel \u00bbMyco Tree\u00ab vor, ein gemeinsames Projekt des KIT in Karlsruhe, der ETH Z\u00fcrich und des ETH-Zentrums Singapur. \u00bbMyco Tree\u00ab ist eine r\u00e4umliche Verzweigungsstruktur aus tragenden Myzelkomponenten und Bambus. Es wurde mithilfe einer grafischen 3D-Statik entworfen, wobei das schwache Material nur auf Druck beansprucht wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Innovation im Bausektor findet jetzt statt<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an diesen Vortrag zeigte Diana Drewes von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.haute-innovation.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Haute Innovation<\/a>, einer Agentur f\u00fcr Material und Technologie mit Sitz in Berlin, wie viel Innovation bei der Entwicklung nachhaltiger Baumaterialien bereits stattfindet. Sie wies darauf hin, dass Beton aufgrund seines hohen CO2-Fu\u00dfabdrucks durch andere Materialien ersetzt werden m\u00fcsse, und stellte mehrere Unternehmen vor, die bereits Innovationen in diesem Bereich vorantreiben. Um nur einige zu nennen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Kenoteq:<\/strong>\u00a0ein Technologieunternehmen, das einen ungebrannten Ziegelstein entwickelt hat, der zu 90 Prozent aus recycelten Abbruch- und Bauabf\u00e4llen besteht.<\/li><li><strong>Oxara:<\/strong>\u00a0ein Spin-off der ETH Z\u00fcrich, das eine ungiftige chemische Substanz auf Mineralbasis namens \u00bbCleancrete\u00ab entwickelt hat \u2013 einen zementfreien Beton, der Ton als Bindemittel verwendet und die CO2-Emissionen im Vergleich zu herk\u00f6mmlichem Beton um 90 Prozent reduziert.<\/li><li><strong>CarbiCrete:\u00a0<\/strong>ein Unternehmen, das eine Technologie zur Herstellung eines zementfreien, kohlenstoffnegativen Betons unter Verwendung von industriellen Nebenprodukten und abgeschiedenem CO2 eingef\u00fchrt hat.<\/li><li><strong>BioMason<\/strong>: ein Unternehmen, das einen Biozement erfunden hat, der zu 85 Prozent aus Granit aus recycelten Quellen und zu 15 Prozent aus Biozement besteht.<\/li><li><strong>Solidian:<\/strong>\u00a0ein deutscher Hersteller von nicht-korrosiven Bewehrungen aus Kohlenstoff-, Glas- oder Basaltfasern.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich stellte Drewes auch einige ihrer eigenen Forschungsarbeiten vor, bei denen sie selbst Pilze z\u00fcchtete und deren Myzel zur Herstellung eines MDF-\u00e4hnlichen Materials verwendete.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachhaltige Geb\u00e4ude der Zukunft drucken<\/h3>\n\n\n\n<p>Dr. Sascha Peters, der Gr\u00fcnder von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.haute-innovation.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Haute Innovation<\/a>, schloss sich Drewes Pr\u00e4sentation an und erg\u00e4nzte ihre Liste der Innovationen. Er erw\u00e4hnte zum Beispiel einen Niedrigenergiebeton der ETH Z\u00fcrich, der Zementklinker durch Flugasche ersetzt, sowie Miniwiz (ein taiwanesisches Unternehmen, das Verbraucher- und Industrieabf\u00e4lle zu Bau- und Konsumg\u00fctern verarbeitet) und Watershed Materials (ein Unternehmen, das Mauersteine mit weniger Zement und unter Verwendung von recycelten Materialien produziert), die Zement aus Reish\u00fclsenasche produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Peters nannte auch bereits fertiggestellte Bauwerke, bei denen die genannten Baustoffe zum Einsatz kommen, z.B. das&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kadenundlager.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Skaio-Holzhochhaus<\/a>&nbsp;in Heilbronn. Au\u00dferdem stellte er Criaterra vor, ein Unternehmen, das mithilfe der so genannten \u00bbCircular Earth Technology\u00ab \u00f6kologisch innovative Materialien entwickelt. Mit Blick auf zuk\u00fcnftige Geb\u00e4udetechnologien hob Peters den 3D-Druck hervor, der seiner Meinung nach ebenfalls zur Transformation in einen klimafreundlicheren Geb\u00e4udesektor beitragen kann, insbesondere wenn er mit nat\u00fcrlichen Druckmaterialien kombiniert wird, wie zum Beispiel im \u00bbTecla Habitat\u00ab in Italien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gelungene Kombination aus Algen, Sonnenlicht und Stein<\/h3>\n\n\n\n<p>Kolja Kuse von\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/technocarbon.de\/\" target=\"_blank\">TechnoCarbonTechnologies<\/a>\u00a0stellte im letzten Vortrag des Webinars den Baustoff \u00bbCarbon Fiber Stone\u00ab vor. Dieser besteht aus Kohlenstofffasern und Stein und kann kohlenstoffneutral hergestellt werden, da die Fasern aus Algen gewonnen und durch Sonnenlicht verkohlt werden k\u00f6nnen: In einem ersten Schritt wird Algen\u00f6l aus den Algen gewonnen und zur Herstellung von Fasern verwendet, die dann durch Sonnenlicht unter Ausschluss von Sauerstoff verkohlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sonnenlicht wird auch zur Erzeugung von elektrischer Energie genutzt, die in den n\u00e4chsten Produktionsschritten verwendet werden kann. Hierbei werden Kohlenstofffasern und Stein, oft Granit, kombiniert. Das so entstandene Baumaterial kann Aluminium, Stahl oder Beton ersetzen und l\u00e4sst sich nach Gebrauch in seine einzelnen Bestandteile zerlegen. Au\u00dferdem hat Granit das gleiche Gewicht und den gleichen Elastizit\u00e4tsmodul wie Aluminium, w\u00e4hrend er gleichzeitig eine viermal h\u00f6here Druck- und Zugfestigkeit als Beton aufweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Kuse stellte auch das \u00bbGreen Carbon Project\u00ab vor, das von der Europ\u00e4ischen Union finanziert wird. Das Projekt befasst sich mit der praktischen Demonstration der stofflichen Verwertung von CO2 zu biobasierten Kohlenstofffaser-Verbundwerkstoffen und sucht nach neuen Wegen der Integration von Leichtbaumaterialien zur Realisierung einer klimazentrierten Energiewende.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neue Baumaterialien sind n\u00f6tig \u2013 aber reichen sie aus?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Diskussion am Ende des Webinars zeigte einmal mehr, dass es zwar viele Ideen zur Umgestaltung des Bausektors durch den Einsatz unterschiedlicher alter und neuer Baumaterialien gibt, dass aber bislang keine einfache L\u00f6sung f\u00fcr die grundlegende Umgestaltung des Bausektors existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend einige Referenten der festen \u00dcberzeugung sind, dass kein Weg daran vorbeif\u00fchrt, die bestehenden Baustoffe durch die in diesem Web-Seminar vorgestellten neuen zu ersetzen, vertraten andere die Meinung, dass eine Koexistenz sowohl der derzeitigen Baustoffe wie Beton als auch der neuen Baustoffe \u2013 beispielsweise aus \u00bbkultivierten\u00ab Materialien \u2013 angestrebt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines steht jedenfalls fest: Alternative Baustoffe, aber auch der gesamte Bauprozess werden derzeit diskutiert und auf den Rr\u00fcfstand gestellt. Dies sollte als Grund gesehen werden, positiv in die Zukunft des Bauwesens zu blicken. Es bleibt noch viel zu tun, aber ein Anfang ist zumindest gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob anbaubare Baustoffe aus Pilzen, zementfreier Beton oder hochfeste Baumaterialien, die aus Algen, Stein und Sonnenlicht hergestellt werden \u2013 im letzten Web-Seminar der Reihe \u00bbBaustoffe der Zukunft\u00ab von\u00a0natureplus wurden inspirierende Innovationen vorgestellt, die den Bausektor nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. 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