{"id":113914,"date":"2022-08-05T07:20:00","date_gmt":"2022-08-05T05:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=113914"},"modified":"2022-08-02T14:22:46","modified_gmt":"2022-08-02T12:22:46","slug":"guter-nahrboden-und-baumaterial-auf-kaffeesatz-spriesen-pilze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/guter-nahrboden-und-baumaterial-auf-kaffeesatz-spriesen-pilze\/","title":{"rendered":"Guter N\u00e4hrboden und Baumaterial &#8211; Auf Kaffeesatz sprie\u00dfen Pilze"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p><strong>I<\/strong>n Deutschland wird viel Kaffee getrunken &#8211; pro Kopf 169 Liter pro Jahr, deutlich mehr als Bier. Dabei fallen Millionen Tonnen Kaffeesatz an, der meist im M\u00fcll landet. Daraus k\u00f6nnte man aber sehr viel mehr machen, etwa Isolier- und Verpackungsmaterial oder Lampenschirme. Und Pilze wachsen hervorragend darauf.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485691-1658729586000\/16-9\/750\/pilze.jpg\" alt=\"In den Kellern des historischen k\u00f6niglichen Zolldepots in Br\u00fcssel werden auf Kaffeeabf\u00e4llen Austernpilze gez\u00fcchtet\"\/><figcaption>In den Kellern des historischen k\u00f6niglichen Zolldepots in Br\u00fcssel werden auf Kaffeeabf\u00e4llen Austernpilze gez\u00fcchtet.(Foto: Daniel Josling\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Kaum ein Getr\u00e4nk ist in Deutschland so beliebt: Jeder Bundesb\u00fcrger trinkt davon nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands rechnerisch pro Jahr knapp 170 Liter. Kaffeehandel ist ein Milliardengesch\u00e4ft und f\u00fcr viele L\u00e4nder weltweit eine wichtige Einnahmequelle. Betrachtet man den gesamten Produktionszyklus einer Tasse Kaffee &#8211; von der Kaffeebohne bis etwa zum fertigen Espresso &#8211; stellt man fest, dass bei der Kaffeeverarbeitung gro\u00dfe Mengen an Nebenprodukten anfallen. Ein Gro\u00dfteil davon landet im M\u00fcll &#8211; unter anderem riesige Mengen an Kaffeesatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zum Wegwerfen sei dieser zu schade, findet Inna Bretz. Die Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut f\u00fcr Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) forscht seit Jahren an der Weiternutzung von industriellem Kaffeesatz. &#8220;Kaffeesatz als Rohstoff ist ein wertvolles Produkt&#8221;, sagt die Chemikerin. Der Sud k\u00f6nne etwa als Mittel zur Entfernung von Farbstoffen verwendet werden &#8211; aber auch als D\u00fcnger f\u00fcr viele Pflanzen oder Pilzsubstrat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Perfekter N\u00e4hrboden f\u00fcr Pilzzucht<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485702-1658729814000\/16-9\/750\/austernpilze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485702-1658729814000\/16-9\/750\/austernpilze.jpg\" alt=\"Stijn Roovers, Manager bei Permafungi, mit einem mit Kaffeesatz gef\u00fcllten Plastiksack, auf dem Austernpilze wachsen.\" width=\"312\" height=\"176\"\/><\/a><figcaption>Stijn Roovers, Manager bei Permafungi, mit einem mit Kaffeesatz gef\u00fcllten Plastiksack, auf dem Austernpilze wachsen.(Foto: Daniel Josling\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das machen sich manche Firmen zunutze: Im Norden Br\u00fcssels etwa, zwischen Eisenbahnschienen und Kanal, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Str\u00e4nge von Transport und Handel einer Kolonialmacht zusammenliefen, werden in den k\u00fchlen, feuchten Kellern des historischen k\u00f6niglichen Zolldepots mithilfe von Kaffeeabf\u00e4llen aus umliegenden Caf\u00e9s und Restaurants frische Austernpilze gez\u00fcchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund f\u00fcnf Tonnen Kaffeesatz sammelt das Unternehmen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.permafungi.be\/en\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Permafungi&nbsp;<\/a>jeden Monat und packt ihn zusammen mit Stroh und Pilzsporen in lange Plastiks\u00e4cke, die von den Kellerdecken h\u00e4ngen und in denen die Pilze gedeihen. Kaffeesatz bietet n\u00e4mlich einen perfekten N\u00e4hrboden zur Pilzzucht. Nach etwa zwei Wochen werden die Pilze geerntet und an nahegelegene M\u00e4rkte verkauft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Organisches Baumaterial<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><a href=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485708-1658729943000\/16-9\/750\/lampe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485708-1658729943000\/16-9\/750\/lampe.jpg\" alt=\"Das Baumaterial des Lampenschirms besteht aus einem robusten Geflecht aus winzigen Pilzf\u00e4den.\" width=\"300\" height=\"169\"\/><\/a><figcaption>Das Baumaterial des Lampenschirms besteht aus einem robusten Geflecht aus winzigen Pilzf\u00e4den.(Foto: Daniel Josling\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nach der Ernte werden die Reste der Mischung aus Kaffeesatz und Stroh mit neuen Pilzsporen vermischt und zu einem organischen Baumaterial verarbeitet, das zur Produktion von Platten zur thermischen oder akustischen Isolierung, von Lampenschirmen oder Verpackungsmaterial genutzt werden kann. Man wolle den st\u00e4dtischen M\u00fcll nicht nur reduzieren, sondern auch weiterverwerten, erkl\u00e4rt der Manager von Permafungi, Stijn Roovers.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Auf der ganzen Welt gibt es einen Haufen Kaffeeabf\u00e4lle &#8211; auch hier in Br\u00fcssel.&#8221; In den Gro\u00dfst\u00e4dten Belgiens lande nur ein kleiner Teil davon tats\u00e4chlich auf dem Kompost. Das meiste werde zusammen mit dem normalen Hausm\u00fcll verbrannt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ziel: Kunststoffen Konkurrenz machen<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485714-1658730758000\/16-9\/750\/karte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485714-1658730758000\/16-9\/750\/karte.jpg\" alt=\"Prototyp des myzelbasierten Baumaterials, darauf ist eine Karte Br\u00fcssels abgebildet.\" width=\"291\" height=\"164\"\/><\/a><figcaption>Prototyp des myzelbasierten Baumaterials, darauf ist eine Karte Br\u00fcssels abgebildet.(Foto: Daniel Josling\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Langfristig m\u00f6chte das Unternehmen, dass seine myzelbasierten Produkte &#8211; also Produkte, die aus einem robusten Geflecht aus winzigen Pilzf\u00e4den bestehen &#8211; mit Kunststoffen konkurrieren. Vor allem in den Bereichen Verpackung und Isolierung. &#8220;W\u00e4hrend Materialien wie Styropor rund 500 Jahre brauchen, bis sie sich einigerma\u00dfen zersetzen, l\u00f6sen sich myzelbasierte Materialien in nur wenigen Wochen vollkommen auf&#8221;, sagt Roovers. Er sei davon \u00fcberzeugt, dass Mykologie &#8211; die Wissenschaft von Pilzen &#8211; nicht nur wirtschaftlich interessant sei, sondern der Menschheit auch dabei helfen k\u00f6nnte, klimafreundlicher zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Idee, Kaffeesatz als organisches Substrat zur Pilzzucht zu verwerten, spreche nichts entgegen, sagt Abfallexperte Rolf Buschmann vom Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). &#8220;Ich halte das f\u00fcr eine gute und sinnvolle Sekund\u00e4rverwertung.&#8221; Allerdings habe er noch Bedenken, wenn Firmen kompostierbares Verpackungsmaterial auf den Markt bringen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><a href=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485756-1658730949000\/16-9\/750\/pilzsaat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/23485756-1658730949000\/16-9\/750\/pilzsaat.jpg\" alt=\"Eine Packung Pilzsaat: Roovers ist davon \u00fcberzeugt, dass die Wissenschaft von Pilzen sowohl wirtschaftlich interessant ist als auch der Menschheit dabei helfen k\u00f6nnte, klimafreundlicher zu leben.\" width=\"375\" height=\"211\"\/><\/a><figcaption>Eine Packung Pilzsaat: Roovers ist davon \u00fcberzeugt, dass die Wissenschaft von Pilzen sowohl wirtschaftlich interessant ist als auch der Menschheit dabei helfen k\u00f6nnte, klimafreundlicher zu leben.(Foto: Daniel Josling\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Generell fehle es noch an Transparenz: &#8220;Was mache ich am Ende mit diesem Produkt? Wo geht es genau hin? Bei Verpackungsmaterialien ist das aktuell noch nicht gut gel\u00f6st &#8211; egal bei welchem Material&#8221;, sagt Buschmann. Ziel d\u00fcrfe nicht sein, Einweg mit Einweg zu ersetzen. Vielmehr m\u00fcsse Einweg mit Mehrweg ersetzt werden, findet Buschmann. Als Baustoff f\u00fcr die langlebige Nutzung sei das Material deshalb wesentlich interessanter &#8211; vor allem, weil es sehr stabil sei.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehrwegbecher aus Kaffeeresten<\/h2>\n\n\n\n<p>Langlebigkeit hat sich auch das Berliner Unternehmen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kaffeeform.com\/de\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Kaffeeform&nbsp;<\/a>auf die Fahne geschrieben. Auch hier wird Kaffeesatz aus umliegenden Caf\u00e9s gesammelt. Statt aus Pilzen werden aus Kaffeeresten Mehrweg-Becher und sogar Uhren hergestellt. Damit sich die Becher bei Ber\u00fchrung mit hei\u00dfer Fl\u00fcssigkeit nicht aufl\u00f6sen, wird dem Kaffeesatz pflanzliches Bindemittel beigemischt &#8211; zum Beispiel Holzfasern von Buchen, Zellulose oder sogenannte Biopolymere. Das sind Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden &#8211; beispielsweise aus Mais.<\/p>\n\n\n\n<p>Kompostierbar sind die Kaffeebecher deshalb nicht. Dies sei zwar schade, aber die Tatsache, dass dies ausdr\u00fccklich auf deren Homepage vermerkt wurde, findet Buschmann sympathisch: &#8220;Das ist richtig und gut so.&#8221; So etwas sollte man dem Verbraucher nicht f\u00e4lschlicherweise einreden. Denn nur weil Produkte aus Biomaterialien produziert werden, seien sie nicht automatisch kompostierbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland wird viel Kaffee getrunken &#8211; pro Kopf 169 Liter pro Jahr, deutlich mehr als Bier. Dabei fallen Millionen Tonnen Kaffeesatz an, der meist im M\u00fcll landet. Daraus k\u00f6nnte man aber sehr viel mehr machen, etwa Isolier- und Verpackungsmaterial oder Lampenschirme. Und Pilze wachsen hervorragend darauf. Kaum ein Getr\u00e4nk ist in Deutschland so beliebt: [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"none","nova_meta_subtitle":"Wissenschaftlerin am Fraunhofer UMSICHT-Institut  forscht an der Weiternutzung von industriellem Kaffeesatz, Permafungi z\u00fcchtet darauf Austernpilze und verwendet das Myzelgemisch anschlie\u00dfend als Baustoff","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[12423,10681,10608,12344],"supplier":[303,20796],"class_list":["post-113914","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-baumaterial","tag-biomasse","tag-biooekonomie","tag-verpackungen","supplier-fraunhofer-institut-fuer-umwelt-sicherheits-und-energietechnik-umsicht","supplier-permafungi"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/113914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=113914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/113914\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=113914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113914"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=113914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}