{"id":10932,"date":"2008-06-13T00:00:00","date_gmt":"2008-06-12T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20080612-05n"},"modified":"2008-06-13T00:00:00","modified_gmt":"2008-06-12T22:00:00","slug":"idw-interview-biokraftstoffe-haben-die-krise-nicht-ausgelst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/idw-interview-biokraftstoffe-haben-die-krise-nicht-ausgelst\/","title":{"rendered":"IDW-Interview: &#8220;Biokraftstoffe haben die Krise nicht ausgel&ouml;st&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><i>Als Ursache f\u00fcr die aktuelle Nahrungsmittelkrise wird meist der Boom der Biokraftstoffe genannt. Sie sehen das differenzierter.<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller (<a href=\"http:\/\/www.uni-hohenheim\/\" >Universit\u00e4t Hohenheim<\/a>): Die Krise war vorhersehbar &#8211; abgesehen vom extremen Preisanstieg seit 2006 der durch zus\u00e4tzliche kurzfristig wirkende Faktoren bedingt ist. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln \u00fcbersteigt jedoch schon seit den letzten 8 Jahren das Angebot. Vor diesem Hintergrund erscheint die Bezeichnung &#8220;Krise&#8221; gerechtfertigt. Den Boom der Biokraftstoffe daf\u00fcr allein verantwortlich zu machen hie\u00dfe jedoch, das Thema str\u00e4flich zu vereinfachen.<\/p>\n<p><i>In Ihrer j\u00fcngsten Publikation sehen Sie mehrere Gr\u00fcnde f\u00fcr die aktuelle Explosion der Nahrungsmittelpreise.<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller:. Die Biokraftstoffe tragen ohne Zweifel zur Preishausse bei, sind aber nur einer von vielen Faktoren. Dementsprechend m\u00fcssen auch die L\u00f6sungsans\u00e4tze differenziert ausfallen. Eine langfristige Ursache h\u00f6herer Agrarproduktpreise ist sicher das Bev\u00f6lkerungswachstum und die steigende Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten, insbesondere in Indien und China, aufgrund der dort stark ansteigenden Einkommen. Um ein Kilogramm Gefl\u00fcgelfleisch zu erzeugen, braucht man das Siebenfache an Getreide. Gleichzeitig ist die landwirtschaftlich nutzbare Fl\u00e4che in Asien kaum noch ausdehnbar. Zunehmend wird auch Wasser zum begrenzenden Faktor der Produktion. Kurzfristig addieren sich dazu die Folgen aktueller Spekulationsblasen und die durch D\u00fcrre begr\u00fcndeten Ernteausf\u00e4lle in Australien im letzten Jahr. Da die Agrarpreise in US-Dollar international bewertet werden, ist ein nicht unerheblicher Anteil des Preisanstieges allein auf den rasanten Wertverfall des US-Dollars w\u00e4hrend der letzten drei Jahre zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><i>&#8230;und die Rolle der Biokraftstoffe?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Woran wir uns gew\u00f6hnen m\u00fcssen ist, dass die Preise f\u00fcr Energie und f\u00fcr Nahrungsmittel zunehmend voneinander abh\u00e4ngen. Steigende Energiepreise haben seit jeher die Lebensmittelpreise gesteigert, weil sie Produktionsmittel wie D\u00fcnger oder Treibstoff verteuern. Der rasante Anstieg des \u00d6lpreises treibt damit auch die Kosten f\u00fcr die landwirtschaftliche Produktion und den Transport f\u00fcr Nahrungsmittel in die H\u00f6he. Darauf satteln sich die Folgen des aktuellen Biokraftstoff-Booms &#8211; ausgel\u00f6st durch die hohen Preise f\u00fcr Erd\u00f6l und verst\u00e4rkt durch Steuerbefreiung, Beimischungszwang und andere direkte Subventionen in der EU und den USA. Die gesamte Entwicklung zur jetzigen Nahrungsmittelkrise war also nicht v\u00f6llig unabsehbar, und es gab auch genug Stimmen seit Anfang 1990, die gewarnt haben, dass zuwenig in die nachhaltige Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion weltweit investiert wird.<\/p>\n<p><i>Sie sehen den Biokraftstoff-Boom allein politisch motiviert?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Nein, es gibt sowohl politische als auch rein marktwirtschaftliche Bestimmungsgr\u00fcnde f\u00fcr den Boom. In der EU und den USA waren es vorwiegend politische Ma\u00dfnahmen, wie Steuerbefreiung f\u00fcr Biokraftstoffe, Subventionen und jetzt der Beimischungszwang, der die Agrarproduktion aus dem Nahrungs-Sektor in den Energie-Sektor umleitet. Beim Biodiesel aus Raps nimmt Deutschland zusammen mit Frankreich die F\u00fchrungsrolle ein. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 5,6 Millionen Tonnen produziert. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass sich die Menge in drei Jahren verdoppelt. Noch bedeutender als Biodiesel ist Bioethanol mit einer Jahresproduktion von derzeit 47.156 Millionen Tonnen. 70 Prozent davon produzieren allein die USA und Brasilien aus Mais und Zuckerrohr. Obwohl die USA letztes Jahr eine Rekordmaisernte einfuhren, wanderte bereits ein Drittel in die Produktion von Ethanol ab. In Europa sind Frankreich und Deutschland die treibenden Kr\u00e4fte. In den kosteng\u00fcnstiger produzierenden Entwicklungsl\u00e4ndern wie Brasilien, ist der Boom allein durch den hohen \u00d6lpreis &#8211; das hei\u00dft marktwirtschaftlich &#8211; begr\u00fcndet. Allerdings wird der Biokraftstoffboom in Brasilien &#8211; zumindest indirekt- die Abholzung der f\u00fcr Klima- und Artenschutz weltweit so wichtigen Tropenw\u00e4lder im Amazonas weiter vorantreiben.<\/p>\n<p><i>Welche Motive treiben eine so geringe Anzahl von Akteuren zu einer so massiven Entwicklung?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Die Hauptargumente sind: die Energieversorgung sicherstellen, neue Einkommensquellen f\u00fcr die Landwirtschaft erschlie\u00dfen und fossile Energietr\u00e4ger ersetzen, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen. Letzteres KANN durch Biokraftstoffe geleistet werden, muss aber genau betrachtet werden. Wenn f\u00fcr den Anbau erst W\u00e4lder gerodet werden, entstehen mehr Treibhausgase als durch fossile Treibstoffe aus Erd\u00f6l. Unter bestimmten Bedingungen kann auch der Soja-Anbau f\u00fcr Biodiesel h\u00f6chst klimawirksame Treibhausgase freisetzen, so dass die \u00d6kobilanz schlechter, als bei fossilem Diesel, ist. Die jetzige Produktion von Biodiesel aus Raps in Deutschland und Frankreich, weist vergleichsweise sehr hohe Kosten zur Vermeidung von Treibhausgasen auf, und ist aus umwelt\u00f6konomischen Gesichtspunkten mehr als fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><i>Sind Biokraftstoffe ein Irrweg?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Nein, ganz und gar nicht. Bioenergie muss aber nachhaltig sein. Weizen und Mais zu verwenden ist sicherlich Unsinn. In der Forschung setzen wir auf Bioenergie der 2. Generation: Anstelle von Nahrungspflanzen finden hier Neben- und Abfallprodukte aus Land- und Forstwirtschaft Verwendung. Eine weitere Alternative sind Energiepflanzen, die auch auf schlechten Standorten gedeihen k\u00f6nnen, die f\u00fcr die Nahrungsmittelproduktion nicht geeignet sind, wie man sich dies etwa von Jatropha erhofft. Au\u00dferdem muss (Bio-)Energie effizienter genutzt werden. Nach Sch\u00e4tzungen lassen sich durch die 1. Generation der Biokraftstoffe bis 2050 nur 11 Prozent des Welt-Treibstoffbedarfs decken &#8211; ohne dass bei dieser Rechnung die \u00f6kologischen und sozialen Kosten bei der Produktion von Biokraftstoffen ber\u00fccksichtigt werden. An der Universit\u00e4t Hohenheim weihen wir diesen Monat eine eigene Forschungsanlage ein, die effiziente Nutzung und neue Bioenergietr\u00e4ger erforscht.<\/p>\n<p><i>In Ihrer aktuellen Publikation kritisieren Sie auch, dass die Politik zu einseitig auf Biokraftstoffe als Ausweg aus der Klimafalle setzt.<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Die anstehende Gro\u00dfkonferenz in Rom behandelt die Nahrungskrise in Verbindung mit der Energiekrise und dem Klimawandel. Dieser Ansatz ist sinnvoll, weil sich diese Themen gegenseitig beeinflussen. Entsprechend breit m\u00fcssen L\u00f6sungsans\u00e4tze sein. Was den Klimawandel betrifft, liegt das gr\u00f6\u00dfte Potenzial im Energiesparen durch h\u00f6here Energie-Effizienz. Sehr sinnvoll ist es deshalb auch, Energie oder die entstehende Verschmutzung zu besteuern. F\u00fcr die Abkehr vom Erd\u00f6l m\u00fcssen wir alle regenerativen Energien auf ganzer Breite f\u00f6rdern. Bioenergie und Biokraftstoffe sind ein wichtiger Baustein &#8211; aber nur einer.<\/p>\n<p><i>Und welche L\u00f6sungsans\u00e4tze erhoffen Sie sich mit Blick auf die Nahrungskrise, Hunger- und Armutsbek\u00e4mpfung?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Als erstes m\u00fcssen wir folgende Mechanismen akzeptieren: Ab jetzt sind Nahrungsmittel- und Energiepreise unvermeidbar miteinander verbunden. Und Energiepreise werden weiter steigen. Die Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN erwartet f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre eine Stabilisierung der Agrarpreise auf dem derzeitig sehr hohen Niveau. Da die global begrenzte Anbaufl\u00e4che zunehmend ausgereizt ist, bleibt nur, die Produktivit\u00e4t der Felder zu steigern. Hierf\u00fcr sind jedoch massive Investitionen in Agrarforschung und die Verbreitung und Anwendung von neuen und an die jeweiligen Standortbedingungen angepassten Technologien Voraussetzung. Um Hunger und Armut wirksam zu bek\u00e4mpfen, bedarf es gezielt der Investitionen in die kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft in Entwicklungsl\u00e4ndern. Der Gro\u00dfteil der Armen und Hungernden auf dieser Welt lebt in l\u00e4ndlichen Regionen, und ist von der Landwirtschaft als wichtigste Einkommensquelle abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><i>Eine auswegslose Situation?<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller: Nein, die Situation ist keineswegs aussichtslos. Wir m\u00fcssen nur erkennen, dass die Nachfrage nach Agrarprodukten weiter weltweit steigen wird, und entsprechend handeln. Selbst der aktuelle Bericht der Weltbank beklagt, dass die nationalen und internationalen F\u00f6rderorganisationen die weltweite Agrar- und Ern\u00e4hrungsforschung und die Investitionen zur F\u00f6rderung der landwirtschaftlichen Entwicklung eklatant vernachl\u00e4ssigt haben. Das gilt vor allem mit Bezug auf die Entwicklungsl\u00e4nder, und hier insbesondere f\u00fcr Afrika. Was jetzt gebraucht wird, ist ein neuer, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Schub f\u00fcr Innovation und Forschung im Agrarbereich, und massive Investitionen in eine nachhaltige landwirtschaftliche und l\u00e4ndliche Entwicklung, die damit insbesondere den Kleinbauern und der armen l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung zugute kommen.<\/p>\n<p><b>Zur Person<\/b><br \/>&#8220;Biofuel boom or doom?: Opportunities and constraints for biofuels in developing countries&#8221;, so titelt die j\u00fcngste Publikation von Prof. Dr. Manfred Zeller und Mitarbeiter Dipl. Ing. agr. Martin Grass (erscheint in der Zeitschrift <a href=\"\" >Quarterly Journal of International Agriculture<\/a>). Wissenschaftliche Schwerpunkte des Lehrstuhlinhabers f\u00fcr <a href=\"\" >Entwicklungstheorie &#8211; und politik f\u00fcr den l\u00e4ndlichen Raum<\/a> an der Universit\u00e4t Hohenheim sind Studien in derzeit mehr als zehn Entwicklungsl\u00e4ndern in Afrika, Asien und Lateinamerika in den Themenbereichen Ern\u00e4hrungssicherung, Boden- und landwirtschaftliche Kreditm\u00e4rkte, und Wachstums-, Verteilungs- und Umweltwirkungen landwirtschaftlicher Technologien.<\/p>\n<p><b>Kontakt<\/b><br \/><a href=\"http:\/\/www.uni-hohenheim\/\" >Universit\u00e4t Hohenheim<\/a><\/p>\n<p>Prof. Dr. Manfred Zeller<br \/>Tel.: 0711-459-221 75<br \/>E-Mail: <a href=\"mailto:manfred.zeller@uni-hohenheim.de\">manfred.zeller@uni-hohenheim.de<\/a><\/p>\n<p>Dipl.-Ing. sc.agr. Martin Grass<br \/>Tel.: 0711-459-234 75<br \/>E-Mail: <a href=\"mailto:mgrass@uni-hohenheim.de\">mgrass@uni-hohenheim.de<\/a> <\/p>\n<p>(Vgl. Meldungen vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/fao-und-oecd-preise-fuer-landwirtschaftliche-erzeugnisse-bleiben-hoch\/\" >2008-06-02<\/a>, <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/mariann-fischer-boel-verteidigt-biokraftstoffe-in-der-diskussion-um-hohe-lebensmittelpreise\/\" >2008-05-08<\/a>  und <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/weltagrarbericht-der-unesco-erschienen\/\" >2008-04-16<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><i>Als Ursache f&uuml;r die aktuelle Nahrungsmittelkrise wird meist der Boom der Biokraftstoffe genannt. Sie sehen das differenzierter.<\/i><\/p>\n<p>Prof. Dr. Zeller (Universit&auml;t Hohenheim): Die Krise<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[],"supplier":[],"class_list":["post-10932","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10932"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10932\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10932"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=10932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}