{"id":105680,"date":"2022-03-07T07:35:00","date_gmt":"2022-03-07T06:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=105680"},"modified":"2022-03-02T15:13:15","modified_gmt":"2022-03-02T14:13:15","slug":"die-eu-auf-dem-holzweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-eu-auf-dem-holzweg\/","title":{"rendered":"Die EU auf dem Holzweg"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren habe ich Urlaub auf einem alten Bauernhof in Lappland gemacht. Es war Ostern und der Schnee lag noch h\u00fcfthoch. Es gab weder Strom noch flie\u00dfend Wasser. In der K\u00fcche und in jedem Zimmer stand ein gusseiserner Ofen, der mit Holzscheiten gef\u00fcttert wurde. Ich mag das. Den roten Glimmer der Glut, das Knacken und Zischen der Holzscheite, die wohlige W\u00e4rme, die der Ofen verbreitet. Das ganze Drumherum: dieser bewusste Umgang mit den Ressourcen. Anders als bei einer normalen Heizung wird es nur warm, wenn man selbst f\u00fcr Nachschub sorgt, Holz hackt, Scheite einsammelt, den Ofen nicht ausgehen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Welt steht ein Umbruch bevor \u2013 ob die Menschheit will oder nicht: Die Landwirtschaft muss nachhaltig und fit f\u00fcr den Klimawandel werden, gleichzeitig gilt es, eine wachsende Weltbev\u00f6lkerung mit wachsenden Anspr\u00fcchen zu versorgen. Was bedeutet das f\u00fcr unsere eigenen Anspr\u00fcche? Und was f\u00fcr Umwelt und die Lebewesen darin?<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser abgelegenen Winterwelt erschien mir das Verbrennen von Holz als etwas ganz Nat\u00fcrliches. Und nicht nur, weil es die einzige M\u00f6glichkeit war, die Bude warm zu kriegen. Das Holz kam direkt vom weitl\u00e4ufigen Grundst\u00fcck, auf dem immer mal wieder ein einzelner Baum umst\u00fcrzte oder gef\u00e4llt wurde. Die Scheite mussten nicht \u00fcber lange Strecken transportiert werden und Kahlschlag gab es auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch damals war mir schon klar, dass das Verfeuern von Holz mit Emissionen verbunden ist: mit dickem Qualm zum Beispiel, mit Ru\u00df und Feinstaub. Aber wie steht es eigentlich ums CO2?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNachhaltig\u00ab ist das Verbrennen von Holz, sagt beispielsweise die Europ\u00e4ische Union. Das geht aus der unl\u00e4ngst verabschiedeten so genannten Taxonomie hervor, mit der Investitionen in nachhaltige Technologien gef\u00f6rdert werden sollen. Gut, die EU hat dabei auch Atomkraft und Erdgas denselben Nachhaltigkeitsstempel aufgedr\u00fcckt, entsprechend umstritten ist das Ganze. Aber bei der Holzverbrennung scheint die Sache doch recht klar: Sofern \u2013 gem\u00e4\u00df Vorschrift \u2013 mindestens im gleichen Umfang Wald nachgepflanzt wie verfeuert wird, gelangt bei der Verbrennung nur so viel Kohlenstoff in die Luft, wie anschlie\u00dfend wieder aus der Atmosph\u00e4re aufgenommen wird, wenn ein neuer Baum w\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Rechnung geht nicht auf. Jede Verbrennung pustet sofort Kohlenstoff in die Atmosph\u00e4re. Bis das CO2-Konto vom nachwachsenden Holz wieder ausgeglichen wird, vergehen Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. In einem offenen Brief haben renommierte Klimawissenschaftler und Klimawissenschaftlerinnen vor einem Jahr beispielsweise darauf hingewiesen, dass beim Verbrennen von Holz pro Energieeinheit mindestens genauso viel CO2 produziert wird wie beim Verbrennen fossiler Energien. Der eingeschlagene Weg ist also ein Holzweg.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kahlschlag f\u00fcr den Holzexport<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch der sch\u00f6ne Gedanke von der lokal produzierten und lokal genutzten Energiequelle erf\u00fcllt sich in der Praxis nicht: Ein Gro\u00dfteil des Holzes wird in Form von Pellets \u00fcber weite Strecken transportiert. Viel Holz wird aus dem S\u00fcdosten der USA importiert. Dort hat der Energieriese Enviva seinen Sitz. Und die Berichte mehren sich, dass nicht nur Holzreste verarbeitet werden, sondern auch viele B\u00e4ume aus Kahlschl\u00e4gen. Gleiches gilt f\u00fcr Holz aus Estland und Litauen, das zum Teil den Rohstoff f\u00fcr Kraftwerke in D\u00e4nemark und Gro\u00dfbritannien liefert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas Verbrennen von Holz als nachhaltig einzustufen, ist vor allem eine politische Entscheidung\u00ab, sagt Jana Ballenthien von der Umweltschutzorganisation Robin Wood. Insbesondere die skandinavischen Staaten und Finnland \u2013 dort spielt die Holzwirtschaft traditionell eine gro\u00dfe Rolle \u2013 h\u00e4tten sich daf\u00fcr stark gemacht. Aber auch f\u00fcr andere Staaten ist die Einstufung als nachhaltig attraktiv. Werden f\u00fcr das Verbrennen von Holz null Emissionen angesetzt, k\u00f6nnen die Staaten ihre Klimabilanz deutlich verbessern, freilich nur auf dem Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn \u00fcberall die B\u00e4ume sofort wieder durch neue ersetzt w\u00fcrden, bleibt das Vorgehen auch \u00f6kologisch eine Katastrophe: Wald ist nicht gleich Wald. Eine neu gepflanzte Monokultur kann ein strukturreiches, \u00fcber Jahrhunderte gewachsenes Wald\u00f6kosystem nicht ersetzen. Aber genau das passiert in vielen Teilen Europas: Auf der Iberischen Halbinsel, in den baltischen Staaten sowie in Skandinavien und Finnland ist der Kahlschlag besonders schlimm. Die L\u00fccken werden anschlie\u00dfend wieder mit in Reih und Glied gepflanzten Nadelbaumplantagen gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie EU-Taxonomie verst\u00e4rkt den Druck auf die ohnehin schon knappe Ressource. Industrielle Holzverbrennung ist grunds\u00e4tzlich keine sinnvolle L\u00f6sung\u00ab, sagt Ballenthien. Gemeinsam mit sechs anderen Naturschutzorganisationen aus Europa hat Robin Wood deshalb bei der EU-Kommission einen Antrag auf \u00dcberpr\u00fcfen der Nachhaltigkeitskriterien f\u00fcr Forstwirtschaft und Bioenergie gestellt. Der Antrag leitet ein verbindliches Verfahren ein. Sollte sich die EU-Kommission weigern, die verlangte \u00dcberpr\u00fcfung vorzunehmen, folgt eine Klage der NGOs vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Entscheidung dar\u00fcber ist fr\u00fchestens im Sommer 2022 zu rechnen. Dass das Nachhaltigkeitssiegel f\u00fcr die Holzverbrennung wieder verschwindet, ist eher unwahrscheinlich. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es aber nicht nur dem Klima und der Umwelt, sondern auch der EU selbst. Wer Greenwashing in so gro\u00dfem Umfang betreibt, hat ein akutes Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren habe ich Urlaub auf einem alten Bauernhof in Lappland gemacht. Es war Ostern und der Schnee lag noch h\u00fcfthoch. Es gab weder Strom noch flie\u00dfend Wasser. In der K\u00fcche und in jedem Zimmer stand ein gusseiserner Ofen, der mit Holzscheiten gef\u00fcttert wurde. Ich mag das. 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