{"id":104728,"date":"2022-02-17T07:09:00","date_gmt":"2022-02-17T06:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=104728"},"modified":"2022-02-14T12:17:51","modified_gmt":"2022-02-14T11:17:51","slug":"fast-alle-chemikalien-belasten-den-planeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/fast-alle-chemikalien-belasten-den-planeten\/","title":{"rendered":"Fast alle Chemikalien belasten den Planeten"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>\u00dcber 99 Prozent der meistproduzierten Chemikalien sind nicht nachhaltig; ihre Herstellung basiert auf fossilen Rohstoffen und verbraucht mehr nat\u00fcrliche Ressourcen, als sie die Erde langfristig zur Verf\u00fcgung stellen kann. So lautet das Fazit eines an der ETH Z\u00fcrich entwickelten Nachhaltigkeitstests, der erstmals absolute Zahlen zur globalen Umweltbelastung durch die chemische Industrie liefert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00abUnsere Methode vergleicht den Ressourcenverbrauch von Chemikalien mit dem \u00f6kologischen Budget unseres Planeten \u2013 das ist ein neuer Ansatz\u00bb, sagt Gonzalo Guill\u00e9n Gos\u00e1lbez, Professor f\u00fcr chemische Verfahrenstechnik an der ETH Z\u00fcrich. Er leitete die k\u00fcrzlich im Fachjournal\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1039\/D1GC02623B\"><em>Green Chemistry<\/em><\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlichte Studie gemeinsam mit Javier P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez, Professor f\u00fcr Katalyse-\u200bEngineering an der ETH.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heute in der Chemiebranche \u00fcbliche Praxis zur Nachhaltigkeitspr\u00fcfung ist, den CO<sub>2<\/sub>-\u200bFussabdruck eines bestimmten Produktes zu berechnen \u2013 vom Rohstoff \u00fcber die Produktion, bis hin zur Entsorgung. Diese sogenannte Lebenszyklusanalyse erlaubt zwar einen Vergleich zwischen verschiedenen Produktionsarten. Sie eignet sich jedoch nur bedingt, um die Auswirkungen auf nat\u00fcrliche \u00d6kosysteme abzusch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00abWenn wir uns nur auf L\u00f6sungen konzentrieren, die den CO<sub>2<\/sub>-\u200bAusstoss senken, verlagern wir die Probleme wom\u00f6glich in einen anderen Bereich und verschlimmbessern die Umweltsituation sogar.\u00bb\u00a0&#8211; <strong>Javier P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez<\/strong>, Professor f\u00fcr Katalyse-\u200bEngineering<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass solche Lebenszyklusanalysen und auch andere \u00d6kobilanzen oft nur die CO2-\u200bEmissionen ber\u00fccksichtigen, st\u00f6rt P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00abDer Klimawandel ist nicht das einzige Problem\u00bb, sagt er. \u00abWenn wir uns nur auf L\u00f6sungen konzentrieren, die den CO<sub>2<\/sub>-\u200bAusstoss senken, verlagern wir die Probleme wom\u00f6glich in einen anderen Bereich und verschlimmbessern die Umweltsituation sogar.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abGr\u00fcne\u00bb Treibstoffe sind nicht immer nachhaltig<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie solche \u00f6kologische Kollateralsch\u00e4den entstehen k\u00f6nnen, erkl\u00e4rt P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez am Beispiel der Biotreibstoffe: Wenn fossile Energietr\u00e4ger durch pflanzliche Rohstoffe wie Mais oder Holz (sogenannte Biotreibstoffe der ersten Generation) ersetzt werden, gelangt deutlich weniger neues CO<sub>2<\/sub>&nbsp;in die Atmosph\u00e4re. Um die dazu notwendige Biomasse zu produzieren, braucht man allerdings grosse Anbaufl\u00e4chen, viel Wasser und auch D\u00fcnger.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erkl\u00e4rte Ziel der beiden Forscher war es daher, eine umfassendere \u00d6kobilanz f\u00fcr Chemikalien zu erstellen-\u200b und dabei einen direkten Bezug zum Ressourcenbudget der Erde herzustellen. Ihre Berechnungen st\u00fctzen sie auf die sogenannten planetaren Belastungsgrenzen. Das wissenschaftliche Konzept beschreibt den Einfluss des Menschen auf die sieben wichtigsten Umweltph\u00e4nomene wie den Biodiversit\u00e4tsverlust und die ver\u00e4nderte Landnutzung.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"930\" height=\"465\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-104730\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1.png 930w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1-300x150.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1-150x75.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1-768x384.png 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2022\/02\/image-1-400x200.png 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 930px) 100vw, 930px\" \/><figcaption>Die planetaren Belastungsgrenzen wurden im Jahr 2009 von der Wissenschaftsgemeinde definiert. Anhand sieben von insgesamt neun Grenzen berechnete die vorliegende Studie die Umweltbelastung durch Chemikalien. \u00a9 ETH Z\u00fcrich<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcr jede dieser planetaren Belastungsgrenzen hat die Wissenschaftsgemeinde bereits Grenzwerte definiert, deren \u00dcberschreiten unumkehrbare und die Erde bedrohende Umweltver\u00e4nderungen haben k\u00f6nnte. Die ver\u00e4nderte Landnutzung wird beispielsweise am globalen Verlust der Waldfl\u00e4che gemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der aktuellen Studie haben die Wissenschaftler berechnet, ob und wie stark die weltweite Produktion von insgesamt 492 Chemikalien, die Grenzwerte von sieben planetaren Belastungsgrenzen \u00fcberschreiten. Die ETH-\u200bForschenden verkn\u00fcpften dazu bestehende Daten und Bilanzierungsmodelle zu Rohstoffbeschaffung, Lieferkette und den verschiedenen Produktionsschritten auf globaler Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Resultat: \u00dcber 99 Prozent der untersuchten Chemikalien sprengen mindestens eine planetare Belastungsgrenze. Nur gerade drei der Chemikalien stuft die neue Methode als \u00f6kologisch nachhaltig ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erd\u00f6l ist&nbsp;<em>die&nbsp;<\/em>Grundzutat vieler Chemikalien<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00abDass fast alle untersuchten Chemikalien umweltsch\u00e4dlich sind, hat uns kaum \u00fcberrascht\u00bb, sagt P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez. Denn: Heute wird das Kohlenstoff-\u200bGrundger\u00fcst, aus dem die meisten Chemikalien bestehen, noch immer zu \u00fcber 85 Prozent aus fossilen Rohstoffen gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWenn schon die Basischemikalien aus Erd\u00f6l bestehen, sind auch alle daraus entstehenden Produkte nicht nachhaltig\u00bb, sagt P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez. Die auf den menschliche Treibhausgas-\u200bAusstoss zur\u00fcckf\u00fchrenden Belastungsgrenzen \u2013 Klimawandel, Ozeanversauerung und Unversehrtheit der Biosph\u00e4re \u2013 haben denn auch mit Abstand am meisten Chemikalien \u00fcberschritten.<br>Die Forscher waren aber \u00fcberrascht, dass einige Chemikalien die Belastungsgrenzen der Erde um mehr als das 100-\u200bfache \u00fcberschreiten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hin zu nachhaltigeren Produktionsverfahren<\/h3>\n\n\n\n<p>Dass die Chemieindustrie vom Einsatz fossiler Rohstoffe wegkommen muss, ist l\u00e4ngst bekannt. Nun hat die Studie das Problem jedoch erstmals auf globaler Ebene quantifiziert. \u00abDie Botschaft ist klar: Wir k\u00f6nnen und m\u00fcssen jetzt handeln\u00bb, so Guill\u00e9n Gos\u00e1lbez.<\/p>\n\n\n\n<p>In Beratungsgespr\u00e4chen mit dem ETH-\u200bProfessor zeigen sich praktisch alle Chemieunternehmen willens, ihre Produktion umweltfreundlicher gestalten \u2013 auch aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden: \u00abNachhaltigkeit hat sich zum globalen Trend entwickelt. Immer mehr Kundinnen und Kunden achten darauf\u00bb, sagt Guill\u00e9n Gos\u00e1lbez.<\/p>\n\n\n\n<p>Die grundlegende Umstellung von Produktionsverfahren ist letztlich vor allem eines: eine Kostenfrage. \u00abF\u00fcr Unternehmen ist es zentral, im Voraus zu wissen, wie stark die \u00c4nderung eines bestimmten Produktionsschrittes die Nachhaltigkeit ihres Produktes steigert\u00bb, erkl\u00e4rt Guill\u00e9n Gos\u00e1lbez. Bis heute existieren in der Industrie kaum Anwendungen, die eine solche Nachhaltigkeitsbewertung erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forschenden m\u00f6chten ihre Methode deshalb dahingehend weiterentwickeln, dass sich damit nicht nur bestehende Produktionsverfahren \u00fcberpr\u00fcfen lassen, sondern auch das Potential neuer L\u00f6sungsans\u00e4tze ermittelt werden kann. \u00abIm Idealfall finden wir so den optimalen, sprich ressourcenschonendsten Mix der verschiedenen Produktionsarten f\u00fcr eine Chemikalie\u00bb, so P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Originalver\u00f6ffentlichung<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/dx.doi.org\/http:\/\/dx.doi.org\/10.1039\/D1GC02623B\" target=\"_blank\">Tulus V, P\u00e9rez-\u200bRam\u00edrez J, Guill\u00e9n Gos\u00e1lbez G; &#8220;Planetary metrics for the absolute environmental sustainability assessment of chemicals&#8221;; <em>Green Chemistry<\/em>; 27. Oktober 2021, 23.<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 99 Prozent der meistproduzierten Chemikalien sind nicht nachhaltig; ihre Herstellung basiert auf fossilen Rohstoffen und verbraucht mehr nat\u00fcrliche Ressourcen, als sie die Erde langfristig zur Verf\u00fcgung stellen kann. So lautet das Fazit eines an der ETH Z\u00fcrich entwickelten Nachhaltigkeitstests, der erstmals absolute Zahlen zur globalen Umweltbelastung durch die chemische Industrie liefert. \u00abUnsere Methode vergleicht [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"none","nova_meta_subtitle":"Wie stark die derzeitige Chemikalienproduktion weltweit in die Natur eingreift, haben Forscher der ETH Z\u00fcrich erstmals in absoluten Zahlen berechnet \u2013 das Ergebnis ist ersch\u00fctternd. 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