{"id":10444,"date":"2007-10-22T00:00:00","date_gmt":"2007-10-21T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20071022-07n"},"modified":"2007-10-22T00:00:00","modified_gmt":"2007-10-21T22:00:00","slug":"kritik-an-aktueller-lachgas-studie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/kritik-an-aktueller-lachgas-studie\/","title":{"rendered":"Kritik an aktueller Lachgas-Studie"},"content":{"rendered":"<p><b>Kommentar von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Friedt, <a href=\"http:\/\/www.uni-giessen.de\/ifz\" >Interdisziplin\u00e4res Forschungszentrum f\u00fcr biowissenschaftliche Grundlagen der Umweltsicherung (IFZ)<\/a>, Justus-Liebig-Universit\u00e4t Giessen zur Studie &#8220;N<sub>2<\/sub>O release from agro-biofuel production negates global warming reduction by replacing fossil fuels\u201d von Crutzen P.J. et al (Vgl. Meldung vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biokraftstoff-klimaschaedlicher-als-erdoel\/\" >2007-09-25<\/a>.). Die m\u00f6glichen Auswirkungen des Klimawandels sind so gravierend, dass jede Untersuchung, welche den Ursachen auf den Grund zu gehen versucht, willkommen ist.<\/b><\/p>\n<p>In der vorliegenden Studie von Crutzen und Kollegen werden nun die N<sub>2<\/sub>O-Emissionen im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Produktion von Biomasse f\u00fcr energetische Zwecke n\u00e4her betrachtet. Im Ergebnis wird festgestellt, dass die (einheimische) Erzeugung von Biodiesel (mit Raps) und Bioethanol (mit Getreide) aufgrund h\u00f6herer N<sub>2<\/sub>O Emissionen letztendlich zur globalen Klimaerw\u00e4rmung beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr haben die Autoren keine eigenen experimentellen Untersuchungen durchgef\u00fchrt oder eigene Daten erhoben. Vielmehr beziehen sie sich auf die Sekund\u00e4rdaten mehrerer Ver\u00f6ffentlichungen, die ihrerseits ebenfalls nicht aufgrund eigener experimenteller Arbeiten generiert wurden, sondern auf diversen Befunden anderer Arbeitsgruppen beruhen. Diese wiederum wurden zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten und in unterschiedlich konzipierten Experimenten gewonnen. <\/p>\n<p>Es ist h\u00f6chst fraglich und entzieht sich weitgehend einer sachlichen Pr\u00fcfung, ob die Daten, die den o.g. Schlussfolgerungen zugrunde liegen, in sich konsistent sind. Die Zusammenfassung solcher heterogener Daten mit dem Ziel einer Quantifizierung des Beitrags unterschiedlicher Quellen zur N<sub>2<\/sub>O-Emission ist m. E. wenigstens problematisch und sollte nicht die Grundlage f\u00fcr sehr weitgehende Folgerungen sein, wie es in der vorliegenden Studie der Fall ist.<\/p>\n<p>Im Einzelnen bleibt auch unklar, ob die angesetzten landwirtschaftlichen N<sub>2<\/sub>O-Emissionen noch Anteile der Tierproduktion enthalten. Sollte das der Fall sein, so w\u00e4re eine Korrektur erforderlich, weil die N<sub>2<\/sub>O-Emission aus der Pflanzenproduktion dann erheblich \u00fcbersch\u00e4tzt w\u00e4re. Auch ist zu bem\u00e4ngeln, dass im Falle von Biodiesel die Koppelprodukte (insbes. Extraktionsschrot und Glycerin, immerhin mehr als 50% der Samenernte!) unber\u00fccksichtigt geblieben sind. Dabei liegt auf der Hand, dass nicht aller Stickstoff (N) der \u00d6lbildung zuzurechnen ist und daher nicht dem Biodiesel &#8220;angelastet&#8221; werden kann; das \u00d6l selbst enth\u00e4lt praktische keinen Stickstoff. Dieser Umstand ist bei entsprechenden Berechnungen daher unbedingt zu beachten.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der speziellen Annahmen f\u00fcr die durchgef\u00fchrten Berechnungen stellen sich zahlreiche Fragen: Grunds\u00e4tzlich ist zu hinterfragen, warum die Autoren generell von einer deutlich h\u00f6heren N<sub>2<\/sub>O-Bildung bezogen auf reaktiven N ausgehen, wo doch entsprechende Feldversuche in aller Regel niedrigere Werte ergeben haben. Die Verfasser legen einen N-Konversionsfaktor (emittiertes N<sub>2<\/sub>O bezogen auf ged\u00fcngten N) von 3-5 zugrunde, w\u00e4hrend \u00fcblicherweise ein Faktor von 1,0 angenommen wird (<a href=\"http:\/\/www.de-ipcc.de\/\" >IPCC<\/a>).<\/p>\n<p>In diesem Kontext ist zweifellos relevant, dass man in der vorliegenden Studie von einer N-Aufnahmeeffizienz durch die Pflanze von nur 0,4 ausgeht, w\u00e4hrend in anderen Untersuchungen ein Wert von immerhin 0,7 experimentell festgestellt wurde. Unbeachtet bleibt dabei auch, dass heutige Sorten ein \u2013 empirisch gezeigtes \u2013 bessere Anpassungsf\u00e4higkeit und Aneignungsverm\u00f6gen f\u00fcr N\u00e4hrstoffe besitzen.<\/p>\n<p>Aufgrund der faktisch h\u00f6heren Aufnahmeeffizienz moderner Sorten konnte die N-D\u00fcngung in der landwirtschaftlichen Praxis in j\u00fcngerer Zeit stark reduziert werden, so dass man heute nicht mehr von mehr als 300 kg N\/ha auszugehen hat, sondern einen Wert von deutlich weniger als 200 kg\/ha N annehmen kann. Damit einhergehend sind die N<sub>2<\/sub>O-Emissionen deutlich niedriger (ca. 10-15 kg N<sub>2<\/sub>O\/ha) als in der Studie angenommen. Dieser Tatbestand wird durch verschiedene, vorliegende experimentelle Untersuchungsergebnisse eindeutig best\u00e4tigt und untermauert, und der Trend in der landwirtschaftlichen Pflanzenproduktion geht in Richtung einer weiteren Reduktion des Input an Produktionsmitteln \u2013 u.a. D\u00fcnge- und Pflanzenschutzmittel.<\/p>\n<p>Nach alle dem d\u00fcrfte die Produktion von Biodiesel anhand des Anbaus von Raps keinesfalls zu einem zus\u00e4tzlichen &#8220;Global Warming&#8221; Effekt beitragen, sondern vielmehr einen positiven \u2013 d.h. d\u00e4mpfenden &#8211; Beitrag zur Klimaerw\u00e4rmung leisten, wie in zahlreichen anderen Arbeiten angenommen wird.<\/p>\n<p>Ebenso verh\u00e4lt es sich mit der einheimischen Produktion von Bioethanol auf der Basis von Weizen oder Mais. Auch hier sind zu niedrige Werte f\u00fcr die N-Aufnahmeeffizienz zugrunde gelegt worden. Ebenso d\u00fcrften die Konversionsraten von Weizen zu Ethanol deutlich h\u00f6her liegen als hier angenommen. Insgesamt d\u00fcrfte sich somit auch bez\u00fcglich Ethanol ein deutlicher positiver Effekt hinsichtlich einer &#8220;Klimak\u00fchlung&#8221; ergeben.<\/p>\n<p>Zweifellos ist es au\u00dferordentlich schwierig, die Auswirkungen landwirtschaftlicher Produktion auf die Bildung von klimarelevanten Gasen und das (k\u00fcnftige) Klima zuverl\u00e4ssig vorauszusagen. Aber gerade deswegen ist es durchaus angebracht, jede Aussage zu dieser Problematik von wissenschaftlicher Seite mit der entsprechenden Vorsicht und mit klaren Hinweisen auf die Beschr\u00e4nkungen der jeweiligen Datengrundlage und der inh\u00e4renten Unzul\u00e4nglichkeiten von entsprechenden Kalkulationen zu t\u00e4tigen. Das ist im vorliegenden Fall nicht hinreichend geschehen, so dass die get\u00e4tigten Schlussfolgerungen einer Korrektur oder Relativierung dringend bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>(Vgl. Meldung vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biokraftstoff-klimaschaedlicher-als-erdoel\/\" >2007-09-25<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Kommentar von Prof. Dr. Dr. h.c. 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