{"id":102644,"date":"2022-01-10T07:20:00","date_gmt":"2022-01-10T06:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=102644"},"modified":"2022-01-14T21:05:16","modified_gmt":"2022-01-14T20:05:16","slug":"unvermeidliche-debatte-um-co2-senken-jetzt-vorwartsbringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/unvermeidliche-debatte-um-co2-senken-jetzt-vorwartsbringen\/","title":{"rendered":"Unvermeidliche Debatte um CO2-Senken jetzt vorw\u00e4rtsbringen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4ische Kommission treibt mit ihren Pl\u00e4nen zu Kohlenstoffkreisl\u00e4ufen die Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re voran. Gerade das Ziel Klimaneutralit\u00e4t macht ein gezieltes Vorgehen unvermeidlich, argumentieren Felix Schenuit und Oliver Geden von der SWP in ihrem Standpunkt, auch wenn der Schwerpunkt auf der Emissionsvermeidung liegen m\u00fcsse. Sie raten der Bundesregierung zu einer st\u00e4rkeren Positionierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Ver\u00f6ffentlichung ihrer Pl\u00e4ne zu \u201cNachhaltigen Kohlenstoffkreisl\u00e4ufen\u201d treibt die Europ\u00e4ische Kommission eine neue Facette der EU-Klimapolitik voran \u2013 die gezielte Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re. Nachdem sie schon 2018 in ihrer Klima-Langfriststrategie auf die Notwendigkeit eines Senken-Ausbaus hingewiesen hat, und dies auch im EU-Klimagesetz verankert wurde, bereitet die Kommission jetzt konkrete Initiativen vor. Die neue Bundesregierung wird schon bald Position beziehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besondere Aufmerksamkeit richtet die Kommission auf die Hochskalierung von \u201eCarbon Farming\u201c. Um Land- und Forstwirte zum Ausbau \u00f6kosystem-basierter Senken zu motivieren, will die Kommission finanzielle Anreize schaffen, nicht zuletzt durch eine Umstrukturierung von Mitteln im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik. Durch zus\u00e4tzliche Kohlenstoffspeicherung in landwirtschaftlichen B\u00f6den, Mooren und W\u00e4ldern sollen 2030 insgesamt 42 Megatonnen CO2eq j\u00e4hrlich aus der Atmosph\u00e4re entnommen werden. Dies w\u00fcrde zum Ausbau der land- und forstwirtschaftlichen Senken auf 310 Mt beitragen, wie sie schon im Fit-for-55-Vorschlag zur LULUCF-Verordnung vorgesehen ist, also dem Regelwerk zu Landnutzung und Forstwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die industrielle Abscheidung, Nutzung und Speicherung von CO2 soll vorangetrieben werden, inklusive der Abscheidung aus der Umgebungsluft durch Direct Air Capture (DAC) und der Kombination aus Bioenergie und CCS (BECCS). Bis 2030 sollen zun\u00e4chst 5 Mt CO2 pro Jahr der Atmosph\u00e4re entzogen werden. Die bislang haupts\u00e4chlich in Nischen zu findenden Technologien sollen vor allem im Rahmen des ETS-Innovationsfonds gef\u00f6rdert werden, wie k\u00fcrzlich bereits eine BECCS-basierte KWK-Anlage in Stockholm.<\/p>\n\n\n\n<p>Um eine glaubw\u00fcrdige und transparente Integration dieser Ans\u00e4tze in die EU-Klimapolitik zu erm\u00f6glichen, forciert die Kommission zudem einen regulatorischen Rahmen f\u00fcr Zertifizierung und Bilanzierung von CO2-Entnahmen. Bis Ende 2022 soll hierf\u00fcr ein Gesetzesvorschlag pr\u00e4sentiert werden, liegt doch in \u00dcberwachung, Berichterstattung und \u00dcberpr\u00fcfung von CO2-Entnahmen die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung, insbesondere bei der Speicherung in B\u00f6den und in der Vegetation.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Entnahme ist logische Folge des Ziels Klimaneutralit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Integration der CO2-Entnahme in die europ\u00e4ische Klimapolitik bereitet vielen Akteuren einiges Unwohlsein. Dabei ist sie die logische Folge des vor Jahren beschlossenen Netto-Null-Ziels. Wenn sich manche Emissionsquellen gar nicht oder nur zu sehr hohen Kosten eliminieren lassen \u2013 etwa in der Landwirtschaft oder in Teilen der Industrie \u2013 dann muss an anderer Stelle ein Ausgleich geschaffen werden. Szenarien der EU-Kommission gehen f\u00fcr das Netto-Null-Jahr 2050 von mindestens f\u00fcnf Prozent der Treibhausgasemissionen von 1990 aus, etwa 500 Mt CO2eq. Mit Aufforstung alleine wird sich dies nicht bewerkstelligen lassen, zumal bei steigenden Temperaturen und h\u00e4ufigeren Wetterextremen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pl\u00e4ne der EU-Kommission gruppieren sich in drei Str\u00e4nge. Weitgehend autonom kann sie bei bestehenden F\u00f6rdermechanismen sowie Initiativen zur Vernetzung und zum Wissenstransfer vorgehen, etwa mit zus\u00e4tzlichen Mitteln zur Forschungs- und Innovationsf\u00f6rderung oder mit einer Serie von Stakeholder-Konferenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur zusammen mit Mitgliedstaaten und Parlament kann die Kommission die Architektur der EU-Klimaschutzpolitik anpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcbergang zu Netto-Emissionszielen im EU-Klimagesetz war ein erster Schritt, mit einer gedeckelten Anrechenbarkeit von CO2-Entnahmen aus Landnutzung und Forstwirtschaft beim 55-Prozent-Ziel f\u00fcr 2030. Abh\u00e4ngig von den laufenden Verhandlungen \u00fcber einen Emissionshandel f\u00fcr W\u00e4rme und Verkehr und damit zusammenh\u00e4ngend der Zukunft des \u201eEffort Sharing\u201c schwebt der Kommission langfristig eine Klimaschutzregulierung vor, die nur noch auf zwei S\u00e4ulen ruht: Auf der einen Seite ein System nationaler Ziele in der dann zusammengefassten Land- und Forstwirtschaft, auf der anderen Seite ein europaweit harmonisierter Emissionshandel. In solch einem System w\u00fcrden CO2-Entnahmen aus \u201eCarbon Farming\u201c und solche auf Basis von technologischen Methoden jeweils der passenden S\u00e4ule zugeordnet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erster Fokus auf solidem Regelwerk<\/h3>\n\n\n\n<p>Bis zu einer entsprechenden Grundsatzentscheidung liegt das Hauptaugenmerk der Kommission auf der Schaffung glaubw\u00fcrdiger und praktikabler Regeln zur \u00dcberwachung, Berichterstattung und \u00dcberpr\u00fcfung von CO2-Entnahmen. So sehr die Schaffung eines regulatorischen Rahmens dr\u00e4ngt, so wichtig ist die Sicherstellung seiner Effektivit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit noch bevor CO2-Entnahmen Eingang in bestehende Instrumente finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kommission will hier schrittweise vorgehen. Sie setzt bei CO2-Entnahmen auch nicht prim\u00e4r auf Offsets im Rahmen des Artikel 6 des Pariser Abkommens. Sie will zun\u00e4chst Regeln f\u00fcr die EU definieren und Erfahrungen bei der Hochskalierung von CO2-Entnahmen sammeln, und strebt international eine regulatorische Vorreiterrolle an.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die deutsche Klimapolitik bedeutet der strategische Aufschlag der Kommission nicht nur Aufforderung, sondern auch Rechtfertigung, sich verst\u00e4rkt mit CO2-Entnahme zu besch\u00e4ftigen. Kurzfristig d\u00fcrfte der Schwerpunkt beim \u201eCarbon Farming\u201c liegen. Beim Aufstellen des nationalen Strategieplans 2023-2027 im Rahmen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik kann die Bundesregierung deutlich machen, dass der Green Deal hierzulande auch die Landwirtschaft miteinschlie\u00dft. Verst\u00e4rkte finanzielle Anreize zum Ausbau \u00f6kosystem-basierter Senken werden ohnehin notwendig sein, um die im deutschen Klimaschutzgesetz verankerten Ziele (25 Mt CO2eq in 2030) zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittelfristig ist auch das verst\u00e4rkte Kommissions-Engagement bei der F\u00f6rderung von CCS-basierten Entnahmemethoden relevant. Der Koalitionsvertrag enth\u00e4lt zwar ein Bekenntnis \u201ezur Notwendigkeit auch von technischen Negativemissionen\u201c, nennt aber die ausgereiftesten Methoden (BECCS und DACCS) nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aktives Verhalten der Bundesregierung schafft M\u00f6glichkeiten<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine explizite Erw\u00e4hnung von CCS wird im Koalitionsvertrag strikt vermieden, obwohl die Notwendigkeit des konventionellen CCS-Einsatzes in einigen Industriesektoren (etwa Zement) weitgehend unstrittig ist. Die Koalitionspartner wollen derzeit offenkundig noch keine CCS-Debatte, oder jedenfalls nicht als Treiber oder gar unkritische Bef\u00fcrworter gesehen werden. Auf Initiativen der Kommission reagieren zu k\u00f6nnen, minimiert die politischen Risiken beim Thema CCS deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf europ\u00e4ischer Ebene zu erwartenden Debatten und Entscheidungen sollte die Bundesregierung dennoch aber nicht einfach abwartend auf sich zukommen lassen. Eine proaktive Rolle g\u00e4be ihr vielmehr die M\u00f6glichkeit, nachvollziehbare Bedenken in den klimapolitischen Prozess auf EU-Ebene einzubringen. Eine konkrete M\u00f6glichkeit liegt in einer Europ\u00e4isierung der im Koalitionsvertrag vorgesehenen Langfriststrategie im Umgang mit \u201eunvermeidbaren Restemissionen\u201c, aus dem sich auch die CO2-Entnahme-Mengen auf dem Weg zur Klimaneutralit\u00e4t ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es gel\u00e4nge, einen \u00e4hnlichen Prozess auch in Br\u00fcssel zu lancieren, so b\u00f6te dies nicht nur die Chance, relevante Sektoren und organisierte Zivilgesellschaft fr\u00fchzeitig einzubinden. Es w\u00e4re auch m\u00f6glich, die zuk\u00fcnftige Rolle von CO2-Entnahmen in der EU-Klimapolitik transparent zu machen und sicherzustellen, dass die Priorit\u00e4t weiterhin beim Vermeiden von Emissionen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>\u00dcber die Autoren<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p><em>Felix Schenuit und Oliver Geden sind Experten f\u00fcr EU-Klimapolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Europ\u00e4ische Kommission treibt mit ihren Pl\u00e4nen zu Kohlenstoffkreisl\u00e4ufen die Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re voran. Gerade das Ziel Klimaneutralit\u00e4t macht ein gezieltes Vorgehen unvermeidlich, argumentieren Felix Schenuit und Oliver Geden von der SWP in ihrem Standpunkt, auch wenn der Schwerpunkt auf der Emissionsvermeidung liegen m\u00fcsse. Sie raten der Bundesregierung zu einer st\u00e4rkeren Positionierung. 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